5. März 2011 Das zweite Leben

 

wie im richtigen Leben trotzt man allen Gefahren und Schwierigkeiten. Doch plötzlich, klammheimlich schlägt er heimtückisch zu, der Gevatter Tod, wenn man am wenigsten mit im rechnet. Dank unserer modernen Medizin schlug er zwar zu, aber die aktuelle Herznotfallchirurgie und ein kleines Zeitfenster von 5 Minuten reichten, ihm von der Schippe zu springen. El Hamdulillah, der 24 Stunden Notfallaufnahme sei es gedankt.

Also am Sonntag, dem 27.02.2011 war es so weit. Das Herz Schlug plötzlich unregelmäßig und drohte den Dienst zu quittieren. Bis wir kapiert haben, dass gerade ein Herzinfarkt im Begriff ist, dem Unimurr den Garaus zu machen, vergingen kostbare Stunden. Zwei Sanitäter eines von Petra gerufenen Notarztwagens begriffen schnell, dass ein Herzinfarkt vorliegt, orderten einen Notarzt und brachten mich in einer Trage eher unsanft in das Auto. Als ich am EKG und einiger anderer Apparate hing, wurden die Herren hektisch es ging in rasender Fahrt die 17 Kilometer in das Schweinfurter Herzzentrum der Leopoldina- Klinik. Diagnose: schwerer Myokardinfarkt. Die Schmerzen im Brustraum wurden während der Fahrt im Sani unerträglich. Es stellte sich ein Gefühl ein: So, das war's jetzt mit dem abenteuerlichen Leben. Dort angekommen dauerte es keine 10 Minuten bis zur Einleitung eines Katheders über die Beinschlagader.

Während die Ärzte mich für die Herzkathederlegung bei örtlicher Betäubung präparierten, hatte ich einen guten Blick auf den Bildschirm des mich online überwachenden EKG. Das zeigte irgendwann plötzlich nur noch unter lautem Piepsen zwei Striche. Es sickerte langsam in mein Bewusstsein, dass es sich um mein Herz handelt, das eben aufgehört hat zu schlagen. Das war meine letzte Wahrnehmung, bevor die Welt schwarz wurde. Herztod, ich war gestorben.

Nach einer Zeitspanne, die auch ein Schlafender nicht erfassen kann, wurde es wieder hell und zwei Leute machten sich ziemlich schmerzhaft an meinem Brustkorb zu schaffen. Nicht mit Elektroschockern, wie in schlechten Filmen. Was die Ärzte im Detail gemacht hatten, weiß ich nicht. Jedenfalls zuckte das automatische EKG wieder. Ich durfte mir nach dem Eingriff die Aufzeichnung anschauen. Ein beklemmendes Gefühl, wenn am Display unten der eigene Name steht.

Die Notfallärzte haben mir einen sogenannten Stent zur Stützung der Herzkranzarterie gesetzt.

Inzwischen bin ich wieder zu Hause, kann mich schon wieder sehr eingeschränkt bewegen und werde mit unglaublichen Mengen von Arzneimitteln abgefüllt. Es geht mir leidlich.

 

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Myokardinfarkt der Vorderwandspitze (2)

nach Verschluss (1) des vorderen absteigenden Astes (LAD) der linken Kranzarterie (LCA). Schematische Darstellung.

 

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Donnerstag, 30. Juni 2011

 

Nach dem einschneidenden Erlebnis des Herzinfarktes sind nun vier Monate vergangen. Durch die kurze Zeit zwischen Infarkt und Stentlegung in der Herznotfallchirurgie hat der Herzmuskel keinen großen Schaden genommen. Probleme bereiten eher der Zustand der Herzinnenwand und der verkalkten Arterien.

Die erhoffte Heilung klappte auch nicht ohne Komplikationen. Es stellte sich nach zwei Wochen eine Herzrhythmusstörung ein. Das sogenannte Vorhofflattern im Rhythmus 1:4. Das heißt, der Vorhof flattert vier Mal bei einem Herzschlag. Diese Störung der elektrischen Ladungsverhältnisse des Sinusknotens auf der Herzwand, die den Herzschlag steuern kommt über die Venenwand zum rechten Vorhof. Den Rhythmus der Hauptkammer beeinflusst das nicht. Das ist erst mal nicht lebensbedrohlich, schädigt das Herz aber auf die Dauer und mindert die Herzleistung um 20%. Eine erhöhte Gefahr der Blutgerinselbildung im rechten Vorhof besteht.

Ich rückte also am 15. Juni wieder ein in das Leopoldina- Krankenhaus in Schweinfurt. Das Problem des Vorkammerflatterns löst man hier mit einer Katheder- Ablation.

Die elektrischen Impulse zur Steuerung des Vorhofs werden vom Sinusknoten erzeugt. Beim Vorhofflattern werden in der Herzwand von spezialisierten Muskelfasern kreisförmige Signale gebildet und weitergeleitet, die den Sinusknoten stören. Bei der Kathederablation wird Herzgewebe in jenem Areal, von dem das Vorhofflattern ausgeht, punktförmig verödet. Der genaue Ort der Verödung wird mithilfe der elektrophysiologischen Untersuchung ermittelt. Diese Untersuchung erfolgt unmittelbar vor der Verödung, also im Rahmen des Venenkatheders. Durch die Kathederspitze fließt hochfrequenter Wechselstrom (Frequenz 300-500 kHz). Damit kann der Arzt Gewebe punktgenau und schmerzlos veröden. Bei der Kathederablation entsteht eine kleine Narbe in der Herzwand, die die Leitungsbahnen durchtrennt oder das Gebiet, das Vorhofflattern verursacht, stilllegt.

Das machte die Oberärztin professionell und erfolgreich. Mein Herz tickte danach wieder richtig. Der Herzkatheder über die Vene ist deutlich unproblematischer, als ein Katheder über die Arterie. Ich konnte also am Nachmittag schon wieder herum laufen.

Abends absolvierte ich noch den Treppenhaustest. Ich nahm also die Treppe, um mich vom Erdgeschoss in den vierten Stock zu meiner Station zu begeben. Das klappe gut und war ein Erfolgserlebnis. Erst nach dem dritten Stock musste ich etwas schnaufen. Einen Tag später war ich wieder zu hause.

Die Tage danach verschlechterte sich mein Zustand deutlich. Ich bekam immer weniger Luft und legte innerhalb von vier Tagen 3 kg Gewicht zu. Am Sonntag brachte mich meine Frau vorsorglich wieder in das Krankenhaus. Ergebnis der Untersuchung: Wasser in der Lunge und im Bauchraum.

Am Montag stach man mich rechts hinten an und holte einen halben Liter Wasser aus dem Bauchraum. Der Befund war beruhigend. Nur Wasser und kein Blut. Eine Spritze zur Entwässerung zwang mich den Rest des Tages alle 15 Minuten auf die Toilette. Ich bieselte an diesem Nachmittag ca. 7 Liter Wasser aus meinem Körper.

Das fühlt sich an, wie wenn man einen schweren Rucksack ablegt. Derart beschwingt verließ ich am nächsten Tag das Krankenhaus.

Mein Zustand ist seither stabil. Kein Wasser mehr in der Lunge und das Herz tickt richtig. Inshallah. Jetzt ist ein Herz-Kreislauf stärkendes Training angesagt. Das ist nicht so einfach auf dem Lande mit einer fünfköpfigen Familie und tausend Pflichten an der Backe.

 

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