10. Januar 2009. Zurück von unserm Ausflug in die Wüste über Weihnachten schauten wir uns am letzten freien Tag zwei Wohnungen von unserem Makler an. Das erste Objekt war der Wahnsinn. Eine zweigeschossige Wohnung, 300m² Wohnfläche mit drei Bädern, 4 Schlafzimmern, Garten, Garage und 150m² Partykeller. Das ganze für lumpige 5000,- EP pro Monat. Einziger kleiner Haken, das Anwesen lag direkt an der Autostrade, einer sechsspurigen Hauptverkehrsstraße. Der Lärm war selbst bei geschlossenen Fenstern nicht auszuhalten.
Beim zweiten Objekt handelte es sich um eine Wohnung im Herzen von Alt- Maadi. Die Wohnung liegt im dritten und letzten Stock eines Hauses aus den siebziger Jahren. Gebaut von einem Architekten, der auch an der Deo mitbeteiligt war. Die Wohnung ist hell, offen und luftig in der Aufteilung und vor Allem unmöbliert. Wir haben nicht lange gefackelt und abends um 22:00 Uhr war der Mietvertrag unterschrieben. Mit 6875,- EP (927,- Euro) ist sie zwar nicht gerade ein Schnäppchen, aber im Vergleich mit unserer alten Wohnung das Geld wert. Die Dame des Hauses ist eine deutsch-arabische, ehemalige Schülerin der DEO. Sie und ihr Mann sprechen deutsch und das häusliche Umfeld ist auch eher nach deutschen Vorstellungen. Vor allem sauber im und um das Haus herum. Mit der Boab- Familie, die das Haus hütet, haben wir uns auch schon angefreundet.
Gestern Nachmittag saßen wir noch mal in unserem neuen Domizil und planten die Einrichtung. Die Kinder stritten sich herzhaft darum, wer in welches Zimmer einzieht und ich machte Bestandsaufnahme der kleineren Defekte in der Wohnung. Beim Verlassen der Wohnung entdeckten wir noch die Dachterrasse über uns. Ich hoffe, dass wir diese auch nutzen dürfen.
Am Abend wurde der neue Lebensabschnitt beim Lieblings- Italiener in Maadi, diesmal ganz feierlich mit Pasta, Pizza und mit einer Flasche Obelisk, Vin Rouge eingeläutet.
Nun sitzen wir abends in unserer alten Hütte und keiner hat mehr Bock auf Baustellenlärm, Ameisen, Kakerlaken, Hundekacke vor der Wohnungstür und dem Parkplatzstress.
Wir werden wohl die halbe Januarmiete bezahlen und schon am kommenden Wochenende umziehen.
Wir müssen zwar zuerst einen Kühlschrank, eine Waschmaschine und vier Matratzen kaufen, dass wir überhaupt dort leben können. Aber wir haben von der alten Wohnung so die Schnauze voll, dass das jeder in der Familie in Kauf nimmt. Für Tisch uns Stühle muss erst mal die Unimog- Ausrüstung her halten.
nun leben wir also in Maādi, oder sagen wir besser: wir hausen. Denn noch stehen wenig Möbel in der Wohnung.
Maādi ist ein Vorort etwa 15km südlich von Kairo. Der Ort hat einen alten, historischen Kern und drum herum verschiedene Viertel. Nördlich leben eher unterprivilegierte Araber mit dem hier üblichen Wildwuchs der Häuser und dem unglaublichen Dreck und Müll im Viertel. Nach Osten erstreckt sich das Villenviertel. Hier residieren zahlreiche Botschaften und hier leben die Europäer, vor Allem die mit Kindern und zahlreiche Amerikaner.
Vor Allem die Amerikanerdichte ist hier sehr hoch, da diese aus Gründen der schnellen Evakuierung nur in Maādi wohnen dürfen. Ich hoffe, dass sie uns im Kriegsfall auch mitnehmen.
Das Viertel expandiert stark in Richtung Osten in die Wüste. In Maādi ist es etwas ruhiger, weniger Verkehr und die Kinder können auch mal alleine unterwegs sein. Da die meisten Familien mit Kindern in Maādi wohnen, haben es die Kids mit den sozialen Kontakten leichter.
Die Luft ist leider nicht besser, als in der Stadtmitte. Bei Nordwestwind zieht der Dreck von Kairo über Maādi, und bei Südostwind stinkt es nach Zement von den südlich gelegenen Zementwerken.
Generell ist es sauberer und luftiger vom Ortsbild, als in Kairo.
Diese kleinen Vorteile gegenüber dem Stadtteil Dokki bezahlen wir mit einer Fahrzeit von 25 Minuten Morgens und bis zu einer Stunde Nachmittags. Waren aller Art sind in Maādi teurer, das Warenangebot aber ?europäischer?, als in Dokki. Die Miete ist ähnlich, wie in Dokki mit Euro 1000,- nicht billig.
Unsere neue Wohnung ist im dritten Stock eines Hauses mit sechs Parteien. Sie ist unkonventionell geschnitten und vor Allem hell. Wir haben ein großes Wohn-Esszimmer, drei Schlafzimmer, ein Bad, eine Dusche, drei Toiletten, zwei Balkone und eine lindgrüne Küche mit Fenster. Von der baulichen Qualität und Ausstattung kann die Wohnung, wie die meisten Wohnungen in Kairo, auch die mit gehobener Ausstattung, nicht mit deutschem Standard konkurrieren. Immerhin haben wir, bis jetzt, kein Ungeziefer in der Wohnung. Unser Hausbesitzer, ein alter Herr, Architekt von Beruf, war mit einer Deutschen verheiratet. Seine Tochter mit Familie und sein Sohn wohnen ebenfalls im Haus. Im Eingangsbereich und um das Haus herum ist es sehr sauber. Uns gegenüber ist die Botschaft von Angola. In Anbetracht des verarmten Landes eine prunkvolle Villa mit riesigem Swimmingpool, auf den Anni immer sehnsüchtig von unserem Wohnzimmerfenster schaut.
Der Umzug verlief vergleichsweise Reibungslos. Da wir die Wohnung ab dem 15. Januar angemietet haben, konnten wir schon ein paar Unimog- Ladungen mit dem nicht lebensnotwendigem Hausrat in die neue Wohnung schaffen. Vier neue Matratzen, ein Kühlschrank und eine Waschmaschine, die wir im Vorfeld schon gekauft haben, waren bereits in der Wohnung. Als Essplatz mussten der große Unimog- Tisch und die Campingstühle her halten. Am Freitag, dem 23. Januar 2009 erfolgte dann der entgültige Umzug. Die Arbeitstische der Kinder, die nicht in den Unimog passten, transportierte ein Busfahrer der Schule für uns nach Maadi.
Unsere Wohnung haben wir wunschgemäß unmöbliert angemietet. Wir wollen uns nach unserem Geschmack unseren Schutzraum Wohnung gestalten. Was das in Kairo heißt, habe ich allerdings unterschätzt. Einen einigermaßen geschmackvollen Hausstand in unserem finanziellen Rahmen zu erwerben, ist in Kairo eine Herausforderung. Die meiste Zeit verplempern wir nach wie vor mit Geschäfte suchen. Stilistisch Europäisches an Möbel ist immer Importware und entsprechend teuer. Grausiges Egypt- Barock ist dagegen deutlich preiswerter. Unser Esszimmer und das Eltern- Schlafzimmer ist bereits gekauft. Importware aus malaysischer Produktion im dortigen Kolonialstil. Es ist das Schönste an Stilrichtung, was uns bisher über den Weg lief.
Ansonsten füllt sich die Wohnung langsam mit Hausrat, obwohl uns noch viele Möbel fehlen.
Einiges an Mobiliar, wie Betten für die Kinder, werden wir wohl bauen lassen müssen.
Das Eingewöhnen der Familie in Maādi geht erwartungsgemäß mit einigen Reibereien einher. Wir müssen wieder mühselig die Infrastruktur für Einkauf und Dienstleistung erkunden. Da in unserer Umgebung kein Gewerbe betrieben werden darf, ist es zwar sehr ruhig in unserem Umfeld, die Geschäfte sind aber zu weit weg, um zu Fuß einkaufen zu können. So ist ein Auto hier leider eine Notwendigkeit.
Großen Ärger haben wir mit dem Superkaufhaus Carrefour wegen eines Garantiefalls bei einer dort gekauften Waschmaschine, aber das ist eine eigene Geschichte.
Undurchschaubaren Zinnober gibt es mit der Telecom in Maadi, die aus noch unklaren Gründen kein ADSL bereitstellen können oder wollen. Ich vermute, dass es zwei Telefonnetze in Maādi gibt. Ein altes analoges Netz und ein neues Digitales Netz. Wir hängen offensichtlich noch am analoges Netz, das sie scheinbar nicht mit dem Internetknoten verheiraten können. Unser DSL-Anbieter LinkdotNet verweigerte erst mal den Anschluss. Wir müssten zuerst bei Telecom Maadi persönlich vorsprechen. In dieser Sache waren wir also gestern in der Telefonzentrale von Maādi. Ein Mitarbeiter hörte sich unser Anliegen an und versprach, die Leitung am nächsten Tag vor Ort zu prüfen. Warum wir persönlich erscheinen sollten, blieb im Dunkeln.
Der Gang durch das Innenleben der Telefonzentrale von Maādi war ein beeindruckendes Erlebnis. Das Herz des Gebäudes ist ein Saal von geschätzten 20 x10 Metern und eine Höhe von 5-6 Metern. In der Mitte steht eine regalähnliche Konstruktion bis zur Decke mit Tausenden von Kabelverteilern. Von allen Seiten führen dicke Kabelbäume aus verdrillten Telefonleitungen in Kabelschächten in fünf Ebenen kreuz und quer zu diesem Verteiler. Die Kabelführung ist sehr ägyptisch. Zwischen diesem Chaos aus Kabelsträngen sitzen ein paar Ägypterinnen an Rechnern und gehen einer unklaren Tätigkeit nach. Im Verteilerregal turnen ein paar Techniker herum und klemmen ständig Leitungen um. Seit ich das gesehen habe, bin ich voller Ehrfurcht darüber, dass man in Ägypten telefonieren kann.
Samstag, 14. März 2009 Langsam aber sicher bringen wir Möbel in die Wohnung. Das gestaltet sich sehr schwierig, da europäischer Wohnstil hier weitgehend unbekannt ist. Außerdem fehlt und die Zeit, nach adäquatem Interieur Ausschau zu halten. Verschiedene, finanzielle Rückschläge behindern zusätzlich das Einrichten.
Kurz bevor wir ausziehen, werden wir wohl eingerichtet sein. :-)