Der Straßenverkehr in Kairo

Folgender Bericht über meine Eindrücke und Erfahrungen ist meine rein subjekive Sicht und Wahrnehmung und ist ausschließlich für mich, meine Familie und meine Freunde geschrieben. Kairo, 9. September 2009

 

Vorne weg einige Betrachtungen der ägyptischen Mentalität, wie ich sie erlebe:

In Kairo findet sich ein buntes Gemisch von Ethnien aus der gesamten, arabisch sprechenden Hemisphäre. Entsprechend unterschiedlich sind die Charaktere der Menschen hier. Gemeinsam ist ihnen ein ausgeprägt emotionales Handeln und reagieren. Ebenfalls ist die Erziehung des männlichen Nachwuchses tendenziell gleich. Buben werden von ihren Müttern in den Himmel gehoben. Daraus folgt ein völlig überzogenes Selbstwertgefühl der Herren ohne jede Basis. Jeder ägyptische Mann hält sich für den tollsten Mann überhaupt. Außerdem gilt der Mann als emotional schwaches Geschlecht, das nicht richtig zur Verantwortung gezogen werden kann. Das hat erhebliche Folgen auf den Straßenverkehr. Ein weiterer Aspekt ist die Geisteshaltung, dass außerhalb des Hauses die kollektive Verantwortung endet. Hat der Ägypter die Wohnung oder das Haus verlassen, wirft er seinen Müll und Abfall einfach auf die Straße oder in die Landschaft und die Rücksichtsnahme endet abrupt. Viel Rücksichtnahme gegen seine Zeitgenossen erlebe ich von den Ägyptern in Kairo nicht. Ich habe eher den Eindruck, dass jeder um jeden Preis sein Ding durchziehen will. Dieses Sozialverhalten hat natürlich Auswirkungen auf den Kairoer Straßenverkehr. Die meisten autofahrenden Ägypter leben in der Überzeugung, dass einzig allein sie die Berechtigung zum Fahren haben und alle anderen sich fügen müssen und hinten anstellen. Erschwerend kommt hinzu, dass es zu Mohammeds Zeiten keinen Straßenverkehr im heutigen Umfang gab. Es ist also nicht im Koran geregelt, wie damit umzugehen ist. Da das ägyptische Leben stark durch den Koran geregelt ist, folgt also, es gibt keine geschriebenen Regeln. Es herrscht im Straßenverkehr hauptsächlich Anarchie. Das funktioniert durchaus, aber eben auf Kosten der Schwachen. Natürlich gibt es auch in Kairo Autofahrer, die versuchen, etwas Menschlichkeit in die Sache zu bringen. Die sind aber eine Minderheit.

Zurück zum Straßenverkehr.

Auf Kairos Straßen sind vom Fußgänger, über den Eselkarren, dem Pferdefuhrwerk, dem altersschwachen Taxi, LKW?s in allen Größen bis zu Luxuslimousinen alles unterwegs. Verkehrsregeln gibt es natürlich auch in Kairo. Als ich kürzlich den ägyptischen Führerschein machte, konnte ich mich davon überzeugen, dass es eine Straßenverkehrsordnung gibt, die im Wesentlichen an die der EU angelehnt ist. Es weiß nur fast kein Verkehrsteilnehmer davon und es handelt keiner danach. Großteils aus Unkenntnis, aber auch aus Egoismus und Rücksichtslosigkeit. Eine Fahrschule in unserem Sinne gibt es nicht. Fahren lernt man in Kairo mit "learning by doing". Ich bin überzeugt, dass ein großer Teil der Autofahrer keinen Führerschein besitzt. So ist der größte Teil der Autofahrer in bemerkenswerter Weise unfähig im Umgang mit dem Fahrzeug und mit dem Einschätzen der Verkehrssituation völlig überfordert. Kommt dann noch ein Anruf am Mobile dazu, ist es vorbei mit der einschätzbaren Fahrweise. Und es telefoniert jeder Zweite am Steuer. Das ist durchmischt von den Berufsfahrern, die zwar ihr Fahrzeug beherrschen, aber sich nicht um Regeln scheren. Dazwischen fährt die Mittelschicht mit relativ neuen Autos je nach Alter und Temperament gesittet bis rücksichtslos und mit weit überhöhter Geschwindigkeit. Ein ungeschriebenes Gesetz lautet, dass der, der die Schnauze des Fahrzeugs weiter vorne hat, beim Gerangel um die rare Verkehrsfläche die Vorfahrt hat. Daraus entbrennt ein ständiger Kampf um die Polposition. Wer sich seitlich vordrängt und einschert, hat im Falle einer "Feindberührung" das Recht auf seiner Seite.

Ein Fahren in der vorgesehenen Spur gibt es in Ägypten nicht. Natürlich sind, wie bei uns, Markierungen auf die Straßen gemalt. Das ist aber die reine Farbverschwendung. Auch bei leichtem Verkehr ist der Ägypter nicht in der Lage, geradeaus in seiner Spur zu fahren. Er driftet ständig auf der Fahrbahn hin und her mit der Tendenz, immer in der Mitte zu fahren mit dem größtmöglichen Behinderungspotential. Die zahlreichen Löcher und Untiefen im Asphalt machen ein sauberes Geradeausfahren ebenfalls sehr schwierig. Geradezu panisch reagiert der ägyptische PKW- Fahrer auf Pfützen, denen er weiträumig ausweicht. Die gibt es immer dort, wo mal wieder ein Wasserrohr gebrochen ist oder ein Grünstreifen gegossen wurde.

Überholt wird nicht nur rechts, sondern wo Platz ist. Auch mal, wo kein Platz ist. Ist Allah dann mal anderweitig beschäftigt, knallt es dort fürchterlich, wo schnell gefahren wird. Gefürchtet ist da die Ringroad, eine Schnellstraße, die fast um Kairo geht. Die bis zur Unkenntlichkeit zerstörten Wracks sind meist eine Weile am Straßenrand zu besichtigen. Inshallah, oder blöd gelaufen, wie der Bayer sagen würde.

Die Exekutive im Straßenverkehr besteht aus Polizisten, die zahlreich an jeder Kreuzung stehen. Ein Teil regelt den Verkehr nach Parametern, die sich meinem Verständnis entziehen. Der andere Teil notiert Vergehen der Verkehrsteilnehmer. Die werden aber erst beim jährlichen Verlängern der Fahrzeugzulassung geahndet. Da passiert es schon mal, dass ein Vergehen notiert ist, wo der Halter noch nie war oder zu diesem Zeitpunkt nachweißlich im Ausland war. Bei westlichen Ausländern fällt die Strafmandatssumme meist höher aus. Es scheint einkommensabhängig zu sein und ist aber verhandelbar.

Der Gerechtigkeit halber muss Folgendes erzählt werden. Wer mit der ägyptischen Zulassung das Land verlassen will, muss das vom Verkehrsministerium mit dem Formblatt 126 genehmigen lassen. Wie bei der Zulassungsverlängerung gilt auch hier: Ohne bezahlte Strafmandate gibt es keine Genehmigung.

Als wir im Juni nach Deutschland fuhren und die Genehmigung dazu brauchten, stellten wir zu unserer Überraschung fest, dass wir über den Zeitraum von 10 Monaten kein Strafmandat zu bezahlen hatten. :-o

Der Ägypter ist ein spontaner Mensch, der im Hier und Jetzt lebt. Fällt ihm ein, dass er rechts abbiegen möchte, tut er das unmittelbar, für die anderen Autofahrer völlig überraschend. Von der ganz linken Spur, versteht sich. Das hat Methode. Den spontanen Wechsel der Straßenseite aus mannigfaltigen Gründen beobachte ich ständig beim Fahren.

Die Anzahl der genutzten Spuren auf der Straße ergibt sich aus der Fahrbahnbreite, dividiert durch die Fahrzeugbreite, plus 1 - 20 cm Abstand pro Fahrzeug, je nach Geschwindigkeit. Weil sich die Straßenbreite ständig ändert, sei es durch bauliche Eigenarten, Minibusse, liegen gebliebene Taxis, entgegenkommende Eselskarren oder dem Gemüsehändler mit seinem Verkaufskarren, gibt es ein ständiges Hauen und Stechen an den Verjüngungen, um voran zu kommen. Dabei wird zwangsläufig die Zahl der Spuren verringert, was zu einer Form von Einfädeln nach Reißverschlussverfahren führt, das bei uns den Tatbestand der vorsätzlichen Nötigung erfüllen würde.

Der Rückspiegel, sofern vorhanden, wird nicht genutzt und ist meistens eingeklappt, damit er nicht abgerissen wird. Man drängelt einfach rüber. Das zwingt mich manchmal zur selben Unsitte, um eine Kollision zu vermeiden. Der Ägypter fährt vollständig nach vorne orientiert. Was sich seitlich und hinten abspielt, wird nicht zur Kenntnis genommen.

Die zweite Seuche sind die Mobiles. Jeder zweite Ägypter telefoniert beim Autofahren. Die Folgen auf das Fahrverhalten kennt jeder von Deutschland. Durch die meist emotional geführte Konversation multipliziert sich das unberechenbare Fahren der Telefonierer hier erheblich.

Grundsätzlich muss jede Sekunde mit einer völlig überraschenden Aktion der Verkehrsteilnehmer gerechnet werden. Diese ständige, 120% Konzentration macht das Fahren sehr anstrengend.

Eine weitere, gefährliche Eigenart im Straßenverkehr habe ich beobachtet. Während der Mitteleuropäer bei Gefahr und Überforderung bremst, reagiert der Ägypter anders. In einer solchen Situation macht der Ägypter wie paralysiert das, was er gerade tut. Ein Busfahrer, vor dessen Bus ein Mensch stürzt, bremst nicht im Schreck, sondern er erstarrt und fährt weiter. Da kann ich nur sagen. Inshallah!

Kürzlich habe ich aus sicherer Quelle erfahren, dass es durchschnittlich 25 Verkehrstote in Kairo am Tag gibt.

Die wirklichen Überlebenskünstler und die unterste Kaste im Straßenverkehr sind die Fußgänger. Es gibt in Kairo keine Möglichkeit, gefahrlos die Straße zu überqueren. Fußgängerüberwege oder Ampeln sind unbekannt. Wer die Straße überqueren will, muss an irgendeiner Stelle durch den ununterbrochen, fließenden Verkehr. Man nimmt Blickkontakt auf und nötigt den Autofahrer zum Bremsen. Das klappt meistens. Wenn nicht, hilft nur ein beherzter Sprung in die richtige Richtung. Am besten überquert man die Fahrbahn bei Stau oder an einem der zahlreichen Speedbreaker. Das sind künstliche Bodenwellen, die den Raser zum Bremsen zwingen, wenn er nicht seine Technik ruinieren will. Solche "Zwangsdisziplinierer" sind häufig anzutreffen in der arabischen Welt, denn es fährt jeder, so schnell er kann, wenn es die Straße erlaubt. Ob in der Stadt oder auf der Landstraße, ist unerheblich. An diesen "Zwangsdisziplinierern" bremsen die Autos und das gibt Raum zum Überqueren der Fahrbahn. Behinderte Ägypter haben praktisch keine Chance und die sind nicht selten in Kairo.

Nicht existent ist ein realistisches Gefahrenbewustsein oder ein präventives Denken. Man kann sich auch Gedanken machen über eine Gesellschaft, die Speedbreaker im Stadtverkehr braucht, um die Raser zu stoppen. Entweder fehlt die Einsicht zum rücksichtsvollen Umgang, oder die Regierung traut dem Volk das nicht zu.

Hat der ägyptische Autofahrer panische Angst vor dem spurwechselnden Seitenmann, schaut er andererseits völlig gelassen einem 6t schweren Unimog auf Kollisionskurs entgegen. Heute beobachteten wir eine Mutter, die im Auto ihre zahlreichen Kinder chauvierte. Ein etwa zehn jähriges Mädchen auf dem Beifahrersitz hielt ein Baby von einem halben Jahr in den Händen mit baumelndem Kopf. Nur eine Vollbremsung und das Kind hat einen gebrochenen Hals. Mit diesem widersprüchlichen Umgang mit der Gefahr ist man überall konfrontiert.

Die Würze des Kairoer Straßenverkehrs ist der infernalische Lärm durch permanentes Hupen. Es muss vorne weg erwähnt werden, dass im gesamten Stadtgebiet Hupverbot herrscht. Es sind dazu auch zahlreiche Schilder aufgehängt. Gehupt wird hauptsächlich, um die Verkehrsteilnehmer links und rechts auf sich aufmerksam zu machen, aus Angst, diese könnten plötzlich die Spur wechseln. Diese Angst ist berechtigt. Dann hupt man natürlich zur Disziplinierung, wenn man der Meinung ist, dass sich jemand fehlverhalten hat. Da ist der Ägypter nicht anders als der deutsche ?Oberlehrer? im Straßenverkehr, nur etwas emotionaler. Das drückt sich in der Häufigkeit und der Dauer der Huperei aus. Nicht zuletzt versuchen viele Ägypter mit Hupen Aufmerksamkeit zu erheischen, sobald sie ein Auto als Ausländer identifizieren und natürlich, wenn Frauen im Auto sitzen. Um sich in einem solchen akustischen Inferno durchzusetzen, braucht es lautere Hupen und weil sich jeder durchsetzen will, haben alle Autos Hupen verbaut in einer Lautstärke, die in der EU nicht zugelassen wären. Die Ägypter scheinen diese akustische Folter mental blocken zu können. Ich kann es nicht.

Staus im Stadtgebiet sind inzwischen eher die Regel. Nur in den Morgen- und späten Abendstunden ist ein zügiges Fortkommen möglich. Das liegt keineswegs am zu großen Verkehrsaufkommen. Diese Staus sind hauptsächlich selbst gemacht.

Das fängt an bei der größten "Pest" in der Stadt, den Minibussen. Minibusse sind Kleintransporter in der 2,5t- Klasse. Also Toyota Hiace, Kia und einige Modelle aus ägyptischer Produktion. Diese Minibusse haben bei uns neun Sitzplätze, in Kairo fünf Sitzreihen a drei Personen, also 15 Sitzplätze. Sie fahren feste Strecken im System "Sammeltaxi" für kleines Geld. "Fahren" ist der falsche Ausdruck. Sie heizen, völlig überladen, mit unverantwortlicher Geschwindigkeit. Zwanzig Leute in einem solchen Bus sind keine Seltenheit. Im zähen Verkehr drücken sie sich rücksichtslos in die kleinste Lücke und zwingen andere Verkehrsteilnehmer permanent zum Bremsen. Ständig die Spur auf der gesamten Fahrbahnbreite wechselnd, wird um jeden Meter gekämpft, um dann völlig überraschend mit einer Vollbremsung einen Fahrgast aus- oder einsteigen zu lassen. Die Fahrgastakquirierung passiert durch permanentes Hupen im Zweisekundentakt. Heftig wird es an den Stellen, die sich als Ein- und Aussteigepunkte in Kairo etabliert haben. Zu den Hauptverkehrszeiten tummeln sich dort viele Menschen, die einen Platz im Minibus erheischen wollen. Um ihrer Ungeduld Ausdruck zu verleihen, drücken sie sich weit in die Fahrbahn, ungeachtet der Gefahr, überrollt zu werden. Dort blockieren die zahlreichen Minibusse oft die gesamte Fahrbahn bei den Manövern zum Fahrgastwechsel. Dass die Rechts stehenden wieder losfahren wollen, während andere Minibusse von Links und der Mitte hereindrücken und zahlreiche Menschen zwischen den Minibussen umher springen, macht bei 5 ? 10 Minibussen auf einem Fleck das Behinderungschaos perfekt. An solchen Stellen ist in der Hauptverkehrszeit so gut wie kein Durchkommen. Weil die ägyptischen Staatsangestellten ein sehr geringes Gehalt haben, hat sich eine Nebenjobkultur entwickelt. Jeder Polizist mit etwas höherem Dienstgrad ist Eigner eines oder mehrer Minibusse, um sein Gehalt aufzubessern. Das ermöglicht den Fahrern ihre Dreistigkeit mit dem Schutz der Exekutive.

Die zweite Stütze des Nahverkehrs sind normale Stadtbusse. Schrott auf Rädern und das ist nicht übertrieben. Die Busse sind uralt, von den Jahren gezeichnet und in einem erbärmlichen Zustand, viele haben keine Fenster und Türen, Diverse Abdeckungen, wie die Motorraumklappe fehlen oder es stehen seitliche Klappen ab oder schwenken bei jeder Kurve oder Bodenwelle nach Außen, weil der Verschluss defekt ist. Gnade Allah dem Fußgänger, der da mal zu nah am vorbeifahrenden Bus steht und von eine sich öffnenden Klappe erwischt wird. Kürzlich beobachtete ich einen Bus, der am rechten Vorderrad noch fünf seiner zehn Radmuttern hatte. Die Verkehrsgebaren der Busfahrer sind nicht wesentlich besser, als die ihrer Minibus- Kollegen. Eine Kollision läst die Busfahrer kalt beim Zustand ihrer Schrotthaufen. Durch die Masse und Behäbigkeit ihrer Busse sind sie aber berechenbarer.

Wegen der Disziplinlosigkeit beim Einhalten der zugewiesenen Fahrtrichtung sind die Fahrbahnen in der Mitte durch Betonmauern getrennt. Das ist hier notwendig und gut so. Mit diesen Mauern wird auch das Linksabbiegen verhindert. Selbiges kann man meist ein paar gefahrene hundert Meter weiter in die falsche Richtung durch einen ?Return?. Das ist eine Lücke in der Mauer, die das Wenden gestattet. Durch die unterschiedlichen Wendekreise der Fahrzeuge und das Wenden in mindestens drei Spuren, was die Lücke eben her gibt, behindert jeder jeden. Die fehlende Bereitschaft des Gegenverkehrs zum Einfädeln lassen, macht das Chaos perfekt und führt zu weiteren Staupunkten.

Kairo ist die Stadt der verbeulten Autos. Ein Auto ohne eine Beschädigung ist hier eine Seltenheit. Verursacht durch das ständige Gerangel bleiben Beulen und Schrammen nicht aus. Die Kairoer Autofahrer sehen es meist gelassen und regen sich wegen einer Beule oder einem kaputten Rücklicht nicht auf. Ursächlich auch wegen einem fehlenden Versicherungssystems. Es hat zwar jeder eine Haftpflichtversicherung, die bezahlt aber nicht und die Beiträge sind auch lächerlich klein. So ist jedem klar, dass vom Unfallgegner nichts zu holen ist und jeder regelt seine Schäden selbst. Ist die Rechtslage klar, wird der Schaden vor Ort mit wenigen, ägyptischen Pfund reguliert. Die Diskussion über die Schadenshöhe wird in der Regel lautstark und emotional geführt. Manchmal entgleist die Diskussion und es fliegen dann schon mal die Fäuste. Das schlichten meist schnell Passanten oder Polizisten.

Es gibt in Kairo zahlreiche Karosseriespengler, die kunstfertig für sehr kleines Geld jede Beule mit Dengeln, Spachteln und Lackieren verschwinden lassen. Das optische Ergebnis ist wirklich gut. Die Qualität der Arbeit weniger. Manchmal sehe ich Autos, wo der Spachtel einfach abgefallen ist, weil der Untergrund nicht richtig behandelt wurde. Da es wenig Rost in Kairo gibt, hält diese ?Kosmetik? erstaunlich lange. Die klassischen Schäden durch das Gerangel sind Schrammen an den Stoßfängern, an den Fahrzeugseiten, abgerissene Rückspiegel und kaputte Rücklichter. Es hat sich in Kairo eine Zubehör- Industrie entwickelt, die alle Fahrzeugteile, die häufig Opfer der Karambolagen sind, für sehr kleines Geld von den gängigen Modellen nachgefertigt werden. Die Qualität ist schlecht. Das macht aber nichts, da die Lebenszeit z.B. eines Rücklichtes sowieso eher kurz ist.

Die Smogglocke über Kairo ist oft beängstigend, obwohl durch die Stadt ein ständiger Wind weht. Die Verursacher sind nicht hauptsächlich die Autos, sondern unzählige Industriebetriebe, die keinerlei Umweltschutz betreiben sondern ihren Dreck ungefiltert in die Kairoer Luft blasen.

Die ungeheuer große Flotte der alten, schwarz/weißen Taxis ist mehrheitlich auf Gasbetrieb umgebaut und fährt relativ sauber. Das kompensiert ein Benzin mit 80 Oktan, dass es billiger als Diesel an manchen Tankstellen zu kaufen gibt. Das gibt es offenbar nur selten, denn alle paar Tage stehen jeder Menge uralter Fiat, Peugeot und Renault in Dreierreihen an diesen Tankstellen an. Mit diesem Benzin rußt sogar ein Benziner schwarz. Die LKW sind zu 90% so alt, dass ausschließlich Russflocken, statt Feinstaub produziert wird. Manchmal in solcher Menge und Dichte, dass die Straße in der dunkelschwarzen Wolke nicht mehr zu sehen ist. Der Hauptbestandteil des Drecks in der Luft ist der aufgewirbelte Staub auf den Straßen. Diese Staubschicht ist überall in der Stadt. Da es so gut wie nie regnet und eine flächendeckende Straßenreinigung nicht existiert, wird dieser Staub immer mehr. Der Staub besteht aus Reifenabrieb, Russ, Industriedreck und Staub aus der Wüste. Welcher Chemie- Cocktail noch zusätzlich in der Atemluft ist, will ich garnicht wissen. Bei Südwind ist der Ausstoß der Zementwerke in Heloan, südlich von Kairo, ein Hauptbestandteil der Smogglocke. Aufgewirbelt wird der Staub durch die Autos und den Wind, der doch ständig in Kairo weht. Das hat zur Folge, dass sich überall in der Stadt eine dicke Patina aus grauem Staub niederschlägt. So ist die eigentlich schöne Stadt ein zunehmend grauer Anblick. Selbst die Blätter an den Bäumen sind graugrün. Wäre der Wind nicht, der doch alle paar Tage etwas Dreck aus der Stadt weht, wäre es in Kairo nicht auszuhalten. Ein Gesundheitsrisiko ist es in jedem Fall.

Zum Schluss noch eine kleine Anekdote: Im Spätherbst 2008 waren wir zu einem Treffen bei einem der geistlichen Würdenträger auf seine bildschönen Terrasse in Maadi eingeladen. Im Laufe des Abends und der fortgeschrittenen Diskussionen floss dann doch mehr Rotwein durch meine Kehle, als man als verantwortungsbewußter Fahrer trinken sollte.

Kurzum, ich war leicht betrunken. Erwähnt werden muss dazu, dass ich den Unimog auch im alkoholisiertem Zustand manuell uneingeschränkt beherrsche.

Diese Heimfahrt gegen 24:00 Uhr, 15km nach Dokki war völlig entspannt und locker. Ich plauderte mit meinen Mitstreitern im Stau, scherte mit wenig darum, was um mich herum gefahren wurde und ließ mich durch Gehupe nicht aus der Ruhe bringen.

Ich denke, da fuhr ich sehr arabisch. ;-)) und ich frage mich, was so alles an Drogen und Medikamenten in den diversen arabischen Köpfen die Fahrtauglichkeit einschränkt. (alle Medikamente sind in Ägypten frei verkäuflich)

 

Montag, 21. Dezember 2009

Das Auto fahren ist trotzdem inzwischen zur Routine geworden. Das Beobachten des Verkehrs um mich herum und die richtige Einschätzung der nächsten Aktion meiner Mitstreiter um die rare Verkehrsfläche ist inzwischen verinnerlicht. Ich kann mich während der Fahrt wieder angeregt mit meiner Frau unterhalten, weil der Verkehr nicht mehr die volle Aufmerksamkeit erfordert. Außerdem fahren wir seit August ohne Feindkontakt. Das hat mit der Routine zutun, aber mehr mit der Einsicht, dass 90% der Ägypter niemals eine Fahrschule besucht haben und elementare Verkehrsregeln nicht kennen. Mit diesem Wissen fahre ich gelassener und rücksichtsvoller. Ich begreife nun das kuriose Verhalten der Ägypter im Verkehr als Unwissenheit und nicht als Frechheit.

 

Allahu-akbar, Gott ist der Größte

 

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