Heute geisterte wieder der Überfall auf einen amerikanischen Touristen durch die Presse. Wie ich das mit meinem lausigen Englisch übersetze, ist der Amerikaner aber nur verletzt.
Nun bekomme ich jede Menge Mails, wie es uns geht und ob wir sicher sind.
Hier in Kairo haben die Amerikaner keinen guten Ruf. Das liegt daran, dass Amerika das Feindbild ist, aber auch, wie sich die Amerikaner gebärden.
In unserem neuen Wohnort Maadi leben fast alle Amerikaner, die sich in Kairo tummeln. Das schreibt die amerikanische Regierung vor, damit im Falle einer nötigen Evakuierung alle Amerikaner nicht über ganz Kairo verstreut sind.
Also ist die Amidichte hier bei uns sehr hoch. Beobachten kann man hier sehr gut, dass die Amerikaner sich wenig darum scheren, wie ihr Verhalten und ihr Auftreten von den Muslimen empfunden wird. Wer zum Beispiel in kurzen Hosen öffentlich herum läuft, beleidigt den Araber und macht sich im günstigsten Fall lächerlich.
Amerikaner haben bei Straßenkontrollen mehr unter Schikane zu leiden. Bei den Polizeiposten ist immer die erste Frage nach der Nationalität. Geben wir uns als Deutsche zu erkennen, kann man beobachten, wie sich die Miene des Ägypters aufhellt und es gibt keine Probleme mehr.
Es kam in der Vergangenheit auch schon zu Tumulten arabischer Jungendlicher, die randalierend durch Maadi zogen und amerikanische Autos anzündeten. Bekleidet in amerikanischen Marken-Jeans und T-Shirts, versteht sich.
Witzig zu beobachten ist ebenfalls, wie sich hier in Kairo trotz des Feindbildes Fastfood, Coke und Pepsi und Vergnügungsparks nach amerikanischem Muster breit machen.
Die wohlhabende Mittelschicht lebt über weite Strecken amerikanische Unarten, ohne das wahr zunehmen. Diese Ägypter sind bessere Amerikaner, als ihnen bewusst ist.
Für eine politische Analyse fehlt mir die nötige Hintergrundinformation. Interessant sind aber politische Gespräche mit arabischen DEO- Schülern der oberen Klassen. Hier ein paar Eindrücke dazu:
Das arabische Feindbild gegen Amerika prägt die Besetzung des Irak und die einseitige, amerikanische Unterstützung Israels im Nahostkonflikt. Wobei in Ägypten ein großer Teil der Bevölkerung die Palästinenser durchaus kritisch sieht. Was die Hamas so abzieht im Gazastreifen, wird mit Unverständnis beobachtet. Ein großer Teil der Bevölkerung hier hatte ein gewisses Verständnis für den Vergeltungsschlag der Israelis gegen die Hamas, aber weniger für die Härte der Vergeltung. Die Palästinenser sind nicht beliebt in der arabischen Welt. Der Konflikt wird nach meiner Wahrnehmung von den meisten arabischen Staaten hier zur Durchsetzung ihrer unterschiedlichsten Interessen missbraucht und kein arabisches Land unterstützt die Palästinenser wirklich. Das leistet vor Allem die EU. Es fließen viele Euros nach Palästina.
Ägypten ist mehr mit den USA verknüpft, als das den meisten Ägyptern bewusst ist.
So wird es wohl weiter zu Anschlägen gegen die empfindlichste Stelle des Staates kommen, den Tourismus. Der Feind der Attentäter ist aber eher der ägyptische Staat, der mit der westliche Welt kooperiert und den islamischen Gottesstaat verhindern will.
Spannend wird es, wenn Präsident Mubarak stirbt. Er ist bereits 80 Jahre alt. Das Machtvacum könnte die ganze Region destabilisieren.
Zurück zum Thema, den Überfall auf den amerikanischen Touristen schaut nach einem fundamentalistischen Einzeltäter aus. Wir leben in einer 27 Millionen- Metropole. Die Eigentums- und Gewaltkriminalität ist hier so niedrig, wie in keiner europäischen Großstadt. Das ist deutlich zu merken, wenn man auf den Straßen unterwegs ist. Man muss sich hüten, aus jedem Kriminalfall gleich eine islamische Verschwörung zu machen.
Ich fühle mich hier in den islamischen Vierteln nicht weniger sicher, als in München.
Eine Diskussion über die Sicherheitslage hat für mich eher theoretischen Charakter, da wir aus verschiedensten Gründen eine Weile hier bleiben müssen.
Möge Allah uns gnädig sein.

