Dienstag, 4. Mai 2010, Endspurt, die Sharella Amal und die Ameisen

Montag, 29. März 2010 Petra's Geburtstagsessen, Rosi's Jugend forscht, der Osterteppich und Frühling in Maadi

 

In der Familie gehen wir traditionell anlässlich eines Geburtstages gut Essen. Das ist in Kairo aber nicht so einfach. Gute Restaurants kosten auch hier Geld. Im Laufe unseres Aufenthalts haben sich ein paar Lokalitäten als würdig und bezahlbar erwiesen. Zu Petras Geburtstag waren wir in der Villa 55. Ein gutes Restaurant in dem es leidlich ruhig ist. Die mehrheitlichen Restaurantbesucher in Maadi sind Amerikaner, die schlimmer lärmen, als die Ägypter. Absoluter Favorit bei uns ist das Restaurant Max. Ein Italiener mit wirklich sehr gutem Essen.

Rosi beteiligte sich in diesem Schuljahr mit einem Beitrag über die ägyptische Wassersituation bei "Jugend forscht". Das machte sie mit viel Einsatz, Ehrgeiz und terminlich auf dem letzten Drücker. Da mussten zum Schluss die Eltern schwer rann, damit alles fertig wurde. Immerhin hat sie den Umweltpreis des Kultusministers von Baden- Württemberg gewonnen.

Details gibt es hier.

Kürzlich zeigte unsere achtzig Jahre alte Hausbesitzerin uns einen christlichen Osterteppich, der vor 40 Jahren in ihrer Teppichweberei entstanden ist. Uns blieb die ausführliche Geschichte, wie sie den moslemischen Weber dazu gebracht hat, ein christliches Motiv zu weben, nicht erspart. Schön ist der Teppich in jedem Fall. Auch in Maadi ist der Frühling mit aller Macht eingekehrt. Blütenpracht allerorten. Wenn man mental die Müllhaufen ausblendet, schaut es wirklich schön aus, in Maadi.

 

Endspurt

 

Unser Aufenthalt in Kairo nähert sich dem Ende. Das Lehrerdasein wird zum Ende des Schuljahres immer hektisch. Kommt die Übersiedelung zurück nach Deutschland hinzu, wird es anstrengend.

Aus den verschiedensten Gründen haben wir uns entschlossen, unser Kairo- Abenteuer zu beenden. Aber dazu gibt es einen ausführlichen Bericht im Sommer.

Wie nicht anders zu erwarten war, hat sich in den zwei Jahren Kairo ein beträchtlicher Hausstand angehäuft. Ein klassischer Standard- Container mit 20 Fuß wird auf einmal sehr klein, im Vergleich zu unserem Krempel. Gestern hatten wir den Herrn von der Spedition in der Wohnung zur Abschätzung unseres Platzbedarfs. Den Zahn, dass alles in den besagten 20 Fuß-Container passt, hat er uns schnell gezogen. Weil der 40 Fuß-Container auch doppelt so teuer ist, heißt es nun aussortieren. Alles, was nicht von spezifischem Erinnerungswert ist, wird verkauft. Neue Lehrer und ägyptische Lehrer sind dankbare Abnehmer für Einrichtungen aller Art.

So werden wir dann wohl mit dem 20 Fuß-Container auskommen. Allen in der Familie graust schon vor der Packerei. Den Löwenanteil packt die Spedition. Ägypten ist eben ein Dienstleistungsland. Sehr angenehm, wenn man auf der richtigen Seite steht. Die Seite der Dienstleistungsnehmer.

Die empfindlichen Sachen, wie Rechner, Drucker und die Ramadan- Lampen werden wir in den Unimog packen. Wir beenden unser Kairo- Schauspiel stilgerecht über den Landweg durch Nahost.

Das ist nicht der billigste Heimweg, aber der Interessanteste und immer für neue Entdeckungen gut.

Aber noch müssen wir Hitze und Lärm und Stress sechs Wochen lang ertragen.

 

 

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Die Angst der Murr's vor der Sharella Amal

 

Jedes Haus in Kairo beschäftigt einen Boeb. Das ist eine Art Hausmeister und Dienstbote auf unterem, sozialem Niveau. Die Frauen der Boebs bessern das Familiengehalt häufig mit Dienstleistungen auf wie putzen, kochen und Einkaufen. Die heißen Sharella.

Unsere Boeb- Familie kommt aus Oberägypten aus sehr einfachen Verhältnissen. Hier dominieren deutlich sichtbar die nubischen Gene. Diese Menschen sind groß und schlank mit fein geschnittenen Gesichtern und dunkler Hautfarbe, ähnlich dem Äthiopischen Menschenschlag. Unsere Boeb- Familie, Nabil und Amal, sind noch sehr jung und haben eine etwa zweijährige Tochter. Während Nabil zusätzlich zu seinem Job als Boeb unserem Unimog wäscht, putzt Amal zweimal wöchentlich unsere Wohnung.

Eigentlich macht Nabil den Unimog eher nass. Unter Waschen verstehe ich was anderes.

Amal kommt also am Sonntag und Donnerstag am Nachmittag zum Putzen. Das ist gewöhnungsbedürftig. Der anstrengenste Teil ist die Sitte in Ägypten, Staub mit einem Tuch schlagend zu entfernen. Da geht natürlich alles kaputt, was filigran ist. Deshalb hat Amal in der Computerecke, an den Ramadanlampen und an dem malysischen Raumteiler Putzverbot. Weil Amal nur arabisch spricht und wir nicht, ist es uns bisher nicht gelungen, ihre Art der Staubentfernung zu ändern. Das ist eben nicht nur ein Sprachproblem, sondern auch ein Verständnisproblem.

Eine weitere Eigenart von Amal ist ihre unkonventionelle Art, aufzuräumen. Wenn Amal nach getaner Arbeit unsere Wohnung verlässt, findet jedes Familienmitglied nichts mehr. Jeder Gegenstand, den Amal anfasst, liegt an einem völlig anderen Platz. Da sie die Funktion der meisten Dinge in unserer Wohnung nicht durchschaut, hilft auch die funktionsorientierte Suche nichts. Am Anfang ihrer Tätigkeit bei uns haben wir ihr mehrmals Diebstahl unterstellt, bis dann die verschwundenen Dinge an obskuren Orten wieder auftauchten. Einmal war der Wecker weg. Ein unersetzlicher Verlust, wenn man wie wir um 5:30 aufstehen muss. Als wir nach langer Suche einen neuen Wecker gekauft hatten, tauchte der Wecker am Abend unter der Bettdecke am Fußende des Bettes wieder auf. Inzwischen ziehen wir Diebstahl nicht mehr in Erwägung und Amal genießt unser uneingeschränktes Vertrauen, da alle verschwundenen Gegenstände irgendwann wieder auftauchten. Meist an Plätzen, wo durch reinen Zufall mal hingeschaut wurde.

Menschen wie ich, die im Prinzip sehr ordentlich sind, das aber nicht durchgängig leben können, existieren mit der Fähigkeit, die Lagerorte der verschiedensten Dinge auch über längere Zeit abzuspeichern. Bringt ein Fremder diese virtuelle Indizierung durch mutwilliges Umräumen durcheinander, treibt er mich in den Wahnsinn.

Als ein Mensch, der auch Pflanzen als Lebewesen begreift, bemühe ich mich, diese immer in der gleichen Position zum Licht aufzustellen, wenn ich sie mal umräumen muss. Das habe ich versucht, Amal mit Händen und Füßen und eindeutigen Gesten zu erklären. Der Erfolg war ein riesengroßes, virtuelles Fragezeichen über ihrem Kopf. Beim nächsten Putzen standen die Pflanzen wieder völlig verdreht an anderem Ort. Erst mit einer Markierung am Blumentopf in Form eines gemalten Fensters und der deutlichen Vermittlung, dass die Pflanze genau hier wohnt und nirgends anderswo, klappt das leidlich. Kapiert, was der komische, deutsche Mister eigentlich will, hat sie sicher nicht. Warum die Blumentöpfe ständig umgeräumt werden müssen, kapiere ich wiederum nicht.

In unserer Küche gibt es ein dreiteiliges Spülbecken. Letzen Herbst beauftragten wir einen Klempner, einen neuen Siphon zu installieren, weil der alte Messingsiphon durchoxidiert war. Der Klempner werkelte drei Stunden und präsentierte stolz sein Werk. Ein neuer schneeweißer Plastik- Siphon, nur der Anschluss für das mittlere Becken fehlte. Daraufhin angesprochen, meinte er, ein Siphon- Kid für drei Becken gibt es nicht. Auf meine Frage, warum er nicht aus zwei Zweier- Kits was gebaut habe, ernte ich nur unverständliches Schulterzucken. Weil ich noch nicht dazu gekommen bin, das nachzuarbeiten, hat also unser mittleres Becken keinen Abfluss. Es ist ja auch nur ein Minibecken. Also erklärte Petra unserer Amal, dass das mittlere Becken keinen Abfluss hat. Sie zeigt ihr das und lässt sie durch das offene Abflussloch schauen.

Und was macht Amal seit dem? Sie putzt auch das mittlere Becken mit hohem Wassereinsatz und versteht nicht, warum der Küchenboden nachher unter Wasser steht.

Besonders gut versteckt sie immer meine halb vollen Rotweinflaschen. Alkohol ist ja auch das Böse schlechthin. Ein großer Aufschrei kommt regelmäßig von der Kinderschar, wenn Amal die Kinderzimmer putzt. Das fällt auf die Eltern zurück, denn die Kinder suchen nicht, sondern lösen das Problem mit: Mama, wo ist mein........ Malesh, kommt dann von den Eltern oder so dumme Sprüche wie: Wer suchet, der findet, steht schon in der Bibel. ;-)

Kurzum, wenn Amal zweimal die Woche klingelt, um zum Putzen zu kommen, steht der Familie der Angstschweiß auf der Stirn und jeder bringt hektisch seine wichtigen Sachen in Sicherheit.

 

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Die Bewohner Kairos mit der höchsten Bevölkerungszahl

 

Es gibt eine Spezies in Kairo, die schlägt alle Rekorde in ihrer Anzahl. Die Ameisen.

Die Ameisen sind in Kairo überall. In den Slums und in den edlen Villen, In den Hochhäusern und in den Nobelhotels. Wer in Kairo behauptet, er hätte keine Ameisen in der Wohnung, der lügt oder er hat seine Wohnung unter Gift gesetzt.

Es gibt kleine Ameisen von 2 - 3mm Länge überall und große Ameisen von 10 - 12mm Länge im Bad und Toilette. Richtig lästig sind die kleinen Ameisen. Die leben überall. Hauptsächlich im Parkett. Sie kommen aber auch die Hauswände hoch und aus jeder Ritze im Gemäuer. Man findet sie auch im höchsten Hochhaus. Leider kommen sie auch wegen ihrer Kleinheit überall hin. Selbst in den Kühlschrank, wenn es ihnen da nicht zu kalt wäre. Zucker, Brot, Nüsse und Käsekrümel sind ihre Leibspeise. Tote Insekten sind auch der Hit. Nach Spagetti Bolognese mit geriebenem Käse ist akkurates Saubermachen angesagt, sonst gibt es fünf Ameisenstraßen über den Tisch. Überall, wo auch nur der kleinste Krümel hin gefallen ist, entsteht eine Ameisenstraße. Unsere Jüngste saß kürzlich an Petra's Notebook mit Käsebrot. Seither hat Petra einen Ameisenstaat in ihrer Tastatur.

Besonders "erfreulich" ist eine Ameisenstraße im Bett. Da hilft dann nur das Wechseln der Bettwäsche. Am Esstisch haben wir die Plage im Griff, seit die Tischbeine im Wasserbad stehen. Der Restmülleimer ist jeden Abend voll mit Ameisen und muss täglich geleert werden.

Von was sich die großen Ameisen im Bad ernähren, haben wir noch nicht heraus bekommen. Die halten sich zahlenmäßig, Allah sei Dank, in Grenzen. Eine kurze Spülung der Dusche mit der Brause garantiert entspanntes Duschen, alleine.

Auf Gift haben wir bisher verzichtet. Das geht nach meiner Meinung nach Hinten los und gefährdet die Gesundheit der Menschen. Ameisengift gibt es in großer Menge überall zu kaufen. Wer weiß, wie viele böse Schwiegermütter hier in Kairo ihr Foul (ägyptisches Nationalgericht) nicht überleben, dass die Frau des Hauses serviert. ;-)

 

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