Ausreise aus Ägypten, oder tausend und eine Unterschrift mit tausend und einem Stempel

 

Als ägyptischer Bürger kann man nicht so einfach in das Ausland fahren, wie in Europa. Man muss sich die Reise genehmigen lassen mit dem Form126. Der Erhalt dieses Reisedokuments ist an einen Besuch beim Zoll verknüpft, der die Fahrgestellnummer, die Motonummer und eingebaute Besonderheiten registriert, wie Klimaanlage, DVD- Player, GPS und ähnliche, zu Geld zumachende Einbauten. Ebenfalls muss das Strafregister im Verkehrsministerium ausgeglichen sein. Das heißt, keine offenen Strafmandate. Dann erhält man die Genehmigung, einmal im Jahr mit dem Auto Ausreisen zu dürfen. Dieses Prozedere machten wir letzten Sommer durch, um mit dem Unimog nach Deutschland fahren zu können. Ohne die Hilfe unseres Behördenbeauftragten der DEO hätten wir arabisch Unkundige keine Chance im ägyptischen Behördendschungel.

Weil an der Grenze Nuweiba ein Touristenpolizist arbeitet, der das Prozedere kennt, klappte das im Sommer 2009 leidlich. Bei der gestrigen Ausreise hatten wir zwei schwerwiegende Nachteile: Der Touristenpolizist war in Urlaub und unsere Ausreise war eine Endgültige ohne Wiedereinreise.

Das abgesperrte Hafengelände in Nuweiba misst etwa zwei km in der Länge parallel zum Meer und 500m in der Breite. Darauf stehen zahlreiche Gebäude aller Art und Bürotrakte in dem für Ägypten typischen Verfall der baulichen Substanz. Sämtliche Bürotrakte und die Departure-Halle sind uns seit gestern vertraut und wir kennen zahlreiche, darin befindliche Büros von Innen.

Die nicht unbeträchtliche Anzahl von Schriftstücken in arabischer Schrift mit voluminanten Unterschriften und ebensolchen Stempeln hatte unser Behördenbeauftragter schon im Vorfeld unserer Abreise an den diversen Ämtern in Kairo besorgt. Unser Strafzettelkonto war wie immer auf null und zusätzlich haben wir einen internationalen Fahrzeugschein und Führerschein zu unserer ägyptischen Zulassung. Dass der Führerschein nur bis 3,5t gilt, weil unser Behördenbeauftragter nicht daran gedacht hat, dass der Unimog 6,2t hat, fällt unter "arabische Grauzone". Über das Ausstellen des internationalen Führerscheins habe ich erfahren, dass ich zwei Jahre in Kairo mit einem ungültigen Führerschein für meinen Unimog unterwegs war. Das wurde mir so erklärt, dass ein LKW- Führerschein nur für LKW's gilt und nicht für Caravans. Es hat zwei Jahre niemanden gestört.

Wir fahren also um 11:30 Uhr zum Büro der jordanischen Fährgesellschaft und kaufen unser Ticket. 550,- US-Dollar für 70km Strecke auf der Fast-Ferry. Für das gleiche Geld komme ich von Genua nach Tunis mit 2000km Seeweg. Auswüchse eines Monopols. Bewaffnet mit dem Ticket fahren wir zum Gate des Zollgeländes. Aus der Gruppe herumstehender Zöllner mit unterschiedlichem Lametta auf den Schultern schält sich der diensthabende Offizier, mustert unser Auto und dann uns und will unser Carnet de Passage sehen. Petra versucht im klar zu machen, dass wir eine ägyptische Zulassung haben und deshalb natürlich kein Carnet haben. Die gebetsmühlenartig vorgebrachte Forderung des Zöllners nach einem Carnet durchbricht Petra, indem sie ihm den Stapel von nicht unbeträchtliche Anzahl Schriftstücken in arabischer Schrift mit voluminanten Unterschriften und ebensolchen Stempeln in die Hand drückt. Sichtlich verwirrt bewegt sich dieser zu seinem Vorgesetzten, der in dem Schatten einer Nische im Mauerwerk des Eingangsportals sitzt. Nun blättern zwei Zöllner im Papierstapel und kommen nach einer halben Stunde zu dem Entschluss, uns in das Hafengelände einzulassen. Wir stehen nun kurz hinter dem Eingang und die beiden Zollner diskutieren lebhaft. Nach geraumer Weile will der erste wieder ein Carnet sehen. Ich werde langsam sauer, zeige ihm zum wiederholten Male das ägyptische Nummernschild. Petra ruft unseren Behördenbeauftragten an und reicht ihr Handy dem Zöllner. Der hört sich lange die Ausführungen unsers Mannes an und dann ist zumindest das Carnet vom Tisch. Zwischenzeitlich wurde unser Unimog von einem anderen Zöllner kontrolliert. Das war mit einem Blick in den Wohnaufbau und dem Öffnen von drei Schranktüren erledigt. Hamdulillah. Dann marschierten wir zu einem uns schon vom letzten Jahr bekanntem Büro. Dort wurden die Zollvormalitäten erledigt. Es folgte das Prozedere mit dem Pausen der Fahrgestell und Motornummer, was uns unsere letzten 20 Pfund kostete. Es gab dann ein kleines Scharmützel, weil der Zöllner eine Kopie im Kopierraum nebenan machte und die Jungs zwischen 5 und 20 Pfund haben wollten. Der Betrag änderte sich im Laufe der Diskussion mehrmals. Wir hatten nur noch 4 Pfund in Münzen. Also trabten wir zur Wechselstube am anderen Ende des Zollareals. Wir zahlten letztendlich 15 Pfund. Ein stolzer Preis für umgerechnet 2 Euro für eine Kopie. Dann tauchte zum ersten Mal die Sache mit dem Feuerlöscher auf. Der Zöllner gab uns in seinem rudimentären Englisch zu verstehen, den Feuerlöscher auszubauen. Ich winkte ab und der Fall schien erledigt.

Als Nächstes sollte ich die Nummernschilder abmontieren. Petra erklärte dem Zöllner, dass wir die Schilder und den Fahrzeugschein (Rochsa) für die Heimfahrt brauchen. Nach einer fruchtlosen Diskussion folgte der zweite Anruf bei unserem Behördenbeauftragten. Der erklärte dem Zöllner weiterhin in einem zehnminütigen Telefonat, was zu tun ist. Das war also auch vom Tisch. Inzwischen standen wir vor der Feuerwehr. Nun kam wieder der Feuerlöscher zur Diskussion. Wir vermuten stark, dass ein heftiges Bußgeld in die Taschen der Zöllner fällig ist, wenn kein Feuerlöscher an Bord ist.

Ich schnappte einen der Feuerwehrmänner und zeigte ihm einen unserer drei Feuerlöscher mit Prüfetikett bis 2011. Auch diese Sache war nun vom Tisch und hat ausnahmsweise nichts gekostet.

Dann marschierten wir zum Verkehrsamt. Das liegt am anderen Ende des Zollgeländes. Dass unser Unimog die Feuerwehrausfahrt blockierte, störte niemanden. Der Zöllner besuchte einige Büros und wir warteten im Schatten. Dann ging es zurück zum Zoll, alle Wege natürlich in der prallen Sonne bei 45°C und ich sollte den Wert des Unimog angeben. Ich erklärte, dass ein Auto mit 30Jahren nichts wert ist. Das wurde geschluckt. Auf Unverständnis stießen wir, weil wir keinen Fernseher an Bord haben. Nächster Anlaufpunkt war die Immigration. Eine große Halle, ausnahmsweise in der Mitte des Geländes. Diesmal mussten die Kinder mit und es wurde nach dem Ausfüllen der Fiches die Ausreise in die Pässe gestempelt. Wozu die Fiches noch gut sind, kapiert kein Mensch. Das Prozedere läuft folgendermaßen: der Reisende füllt den Fiche aus. Ein Polizist hackt die Daten in einen Rechner. Dann stempelt er den Ausreisestempel in den Pass, sofern er den Einreisestempel im Pass gefunden hat. Das sorgte bei uns mal wieder für Irritation, weil der Einreisestempel natürlich vom August 2009 datiert ist. Trotz der Jahresvisa mit Arbeitserlaubnis, die eingehend studiert wurden, konnte das Problem nur wieder von einem Vorgesetzten aufgelöst werden. Als nächster Schritt kommt der Pass in ein angrenzendes Büro. Dort steht ein Rechner mit Passlesegerät. Der dortige Polizist liest die Pässe ein und kontrolliert, ob die manuellen Eingaben stimmen. Arabische Mysterien.

Nun ging es wieder zum Zollbüro und der behielt Petras Pass, da sie in Ägypten Eigner des Unimog ist. Dann zurück zum Verkehrsamt. Hier sollte die Ausreise datentechnisch erfasst werden und auf dem Ticket bestätigt werden. Da es mittlerweile 16:00Uhr war, hatten die zuständigen Herren ihre Schicht beendet und waren nach Hause gegangen. Zurück zum Kiosk bei der Immigration-Halle. Unser Zöllner hätte prompt meine Rochsa vergessen, wenn ich nicht moniert hätte. Dort saß der Chef des Zolls mit dem meisten Lametta auf den Schultern beim Tee. Nach einigen Telefonaten wurden die Herren von ihren verdienten Feierabend wieder an den Arbeitsplatz zitiert. Das dauerte eine gute halbe Stunde. Ziemlich angefressen hackte der eine die Fahrzeugdaten in seinen Rechner, druckte ein Formular aus und der Andere schrieb das Gleiche handschriftlich in eines der zahlreichen, großen Bücher und setzte seine voluminante Unterschrift und einen ebensolchen Stempel auf dieses Formular und unser Ticket. In einer kleinen Kammer im gleichen Gebäude passierte etwas für uns Undurchschaubares, das 25 Pfund kostete. Unsere Zollakte verblieb dort. Dann wieder zurück zum Verkehrsamt. Auf unserem Hinweis, dass Petras Pass noch beim Zoll liegt, trabten wir zurück zum Zoll. Da sah es schon verflixt nach Feierabend aus. Der Zöllner war aber noch vor Ort. Wieder ein Eintrag in ein dickes Buch, eine Fotokopie im angrenzenden Kopierraum und dieses mal für ein Pfund, was die Leute vom Kopierraum lautstark kundtaten. Dieses Mal fuhren wir mit dem Unimog, der immer noch vor der Feuerwehrausfahrt parkte, zum Verkehrsamt. Es wurde dort nochmal viel gestempelt und unterschrieben und dann, Hamdulillah, konnten wir endlich zum Schiff. Zum Einchecken mussten nochmal zwei Herren ein Stempelchen auf eines der verbliebenen Zettel und auf das Ticket setzen und dann konnten wir endlich auf das Schiff fahren. Es war mittlerweile 17:30 Uhr. Ich musste rückwärts auf das Schiff fahren. Der Einweiser meckerte mich an: Ich solle machen, was er zeigt und nicht in die Spiegel schauen. Den Teufel tat ich. Im Schiffsbauch standen ein paar hässliche Säulen aus Stahl herum und ich schaute konzentriert ein meine Spiegel.

Fazit: Ein unglaubliches, sechsstündiges Theater aus Inkompetenz und Bürokratie, die die Zöllner selbst nicht mehr durchschauen. Wir haben 14 Büros abgeklappert, einige davon mehrmals und geschätzte 12-15 km zu Fuß in der prallen Sonne auf dem Zollgelände abgelaufen.

 

Die Wege Allas sind unergründlich.

 

Nach oben