Salam alaykum, Kairo. Am Dienstag, den 18. August 2009 erreichten wir körperlich unversehrt unsern Wohnort Maadi im Süden Kairos. Hamdulilla, wir haben die insgesamt 9800km unbeschadet überstanden.
Über die Reise nach Deutschland wird es einen gesonderten Bericht geben.
Einen ersten Vorgeschmack der Ägyptischen Art erlebten wir bereits an der Grenze, als Polizisten zweimal versuchten, meine Frau Petra zu betatschen. Einer der üblen Unsitten in Ägypten. Der Gerechtigkeit halber muss erwähnt werden, dass sich ein anderer Polizist unser annahm und fürsorglich alle Formalitäten für uns erledigte, denn wir sorgten wieder mal für Verwirrung, da Europäer, die im Land leben und arbeiten, in der Regel mit dem Flugzeug einreisen und nicht über den Landweg über Libyen. Allenfalls kommen über das Jahr ein Paar Touristen an diese Grenze. Man konnte also erst mal nichts mit Deutschen, die mit einem Auto mit ägyptischer Zulassung einreisen wollen, anfangen und erst ein höherer Offizier wusste um das Prozedere mit residenten Europäern Bescheid. Diese Schwierigkeiten ersparten uns die Zollkontrolle, die über das Hin und Her einfach vergessen wurde.
Da wir spät aus der Grenzstation heraus kamen, suchten wir eine Hotel- Ressortanlage an der Mittelmeerküste auf. Freies Campen an der Küste ist nicht möglich, da die ganze Mittelmeerküste bis auf einige touristische Areale militärisches Sperrgebiet ist. Dieses Ressort und Hotel besuchten wir schon 2008 bei unserer ersten Fahrt nach Ägypten. Die Anlage ist sehr schön und gepflegt. Die fünf Sterne muss man trotzdem aus Ägyptischer Sicht bewerten. Wir haben 2008 nur gegessen und auf eine Übernachtung verzichtet. Es wusste aber jetzt keiner mehr, was das Zimmer gekostet hätte, nur dass es teuer war, ist im Gedächtnis haften geblieben. Also fragten wir blauäugig nach dem aktuellen Zimmerpreis. Es war schon dunkel geworden und zu einer Weiterfahrt hatte keiner mehr Lust. Der Manager reichte uns eine Preisliste, aus der wir zweifelsfrei einen Übernachtungspreis von Euro 550,- ersehen konnten. Das war mir dann doch zu heftig und ich stellte mich darauf ein, die 500km nach Kairo durch zu fahren. Zufällig kam eine Frau mit zwei Kindern an der Rezeption vorbei, die zu Gast im Hotel war und uns auf deutsch ansprach. Sie hatte die Deutsche Schule der Borromäerinnen in Alexandria besucht. Darüber erfuhr der Manager, dass wir in Kairo wohnen und arbeiten. Seine Miene erhellte sich. Wenn wir in Ägypten wohnen, gibt es natürlich einen Spezialpreis. Nach dem die Bettenfrage gelöst war, es gibt natürlich kein Fünfbettzimmer, legen wir EP 1900,- auf die Theke und Abendessen, Übernachtung und Frühstück waren gesichert. Das waren umgerechnet Euro 243,- . Ein stolzer Preis und an sich weit über unseren Verhältnissen. Allerdings waren Abendessen und Frühstück auch vom Feinsten. Wären wir in einer anderen Gehaltsklasse, könnte man es dort schon ein paar Tage aushalten.
Die Fahrt nach Kairo verlief ereignislos. Kalt erwischte mich der Kairoer Verkehr in der Rushhour um 16:00 Uhr Ortszeit. Ich bin offensichtlich entwöhnt vom Kleinkrieg um die rare Verkehrsfläche und die Rücksichtslosigkeit der Mitstreiter im Getümmel. Um die Pyramiden bei Gize gibt es ein paar nicht geschlossene Kilometer an der Ringroad, Kairos Stadtautobahn, die fast um ganz Kairo führt. Um von Alexandria kommend nach Maadi zu gelangen, muss man also dieses Nadelöhr von etwa 5km meistern. Dort erlebt man den Kairoer Stadtverkehr in seiner heftigsten Version. Ich habe jetzt in kurzer Zeit den Straßenverkehr in Jordanien, Syrien, Türkei, Tunesien, Libyen und Ägypten erlebt. In Sachen Rücksichtslosigkeit ist Kairo absoluter Spitzenreiter.
Wir erreichten glücklich gegen 18:00 unser Domizil in Maadi. Hier war erst mal alles in Ordnung. Das Haus stand noch, der Wohnungsschlüssel passte und vom Mobiliar war alles vorhanden. Abgesehen von einer Staubpatina fanden wir unsere Wohnung unverändert und unversehrt vor.
Ärgerlicherweise geht unser WLAN- Router, der das ganze Haus versorgt, nicht mehr und ich muss mich vorerst mit Modem in das Internet einloggen. Das reicht für E-Mails, aber das Surfen ist eine Katastrophe. Ein 56K- Modem ist einfach nicht mehr zeitgemäß.
Wir räumten also gestern erst mal unseren Unimog aus und die Möbel um, die wir von scheidenden Lehrern Ende Juni erworben hatten. Nun ist die Wohnung wieder ein Stück voller.
Während der ganzen Heimfahrt entbrannte unter den Kindern eine heftige Diskussion über die Verteilung der drei Schlafzimmer. Jedes Kind möchte natürlich sein eigenes Zimmer haben und wir haben ein Zimmer zu wenig. Mit dem Spiel ?Reise nach Rom? lies sich das Problem nicht zur Zufriedenheit Aller lösen.
Die Eltern haben verloren und schlafen in Zukunft auf einer Schlafcouch im Wohnzimmer. So hat nun jedes Kind sein eigenes Zimmer.
Deshalb waren wir heute im Einkaufszentrum Maadi City Center, um in unserem Lieblingsmöbelhaus In&Out nach einer Schlafcouch zu schauen. Wir nahmen ein Taxi, um meine Nerven zu schonen. Das klappte gut auf der Hinfahrt mit einem jungen, sehr besonnenen Fahrer, der sein Fahrzeug und die Verkehrssituation auch beherrschte. Auf der Rückfahrt saß in unserem Taxi ein Driver um die Fünfzig am Steuer. Der hatte weder das Fahrzeug, noch die Verkehrssituation im Griff und machte das Defizit durch ständiges Hupen wett. So einer kostet mehr Nerven, als selbst zu fahren.
Leider hatten wir Pech mit unserem Lieblingsmöbelhaus. Die Filiale im Maadi City Center gab es nicht mehr. Das ist sehr ärgerlich, da alle anderen Filialen von uns aus sehr schwer zu erreichen sind.
Um nicht ganz umsonst ins Maadi City Center gefahren zu sein, warfen wir uns ins Getümmel im Kaufhaus Carrefour, eine Mischung aus Quelle und Karstadt, um ein paar Haushaltsartikel zu kaufen.
Das Kaufhaus Carrefour im Maadi City Center ist immer eine Herausforderung für die Nerven. Selbst Morgens um 9:00Uhr nach der Öffnung ist es innerhalb kurzer Zeit brechend voll. Während über dem normalen Jahr zu laute, arabische Musik dudelt, werden in der Zeit vor und während des Ramadan Koranverse rezitiert. Auch zu laut, versteht sich. Der monotone Singsang der Koranverse in arabischen Halbtönen zehrt besonders an den europäischen Nerven. Der Ramadan 2009 ( im arabischen Jahr 1430 ) beginnt Morgen vom 22. August bis 19. September. Vor und während des Ramadan kaufen die Muslime wie verrückt Lebensmittel ein, um für die Essorgien nach dem Fastenbrechen nach Sonnenuntergang gerüstet zu sein. Der Fastenmonat ist in der ägyptischen Mittel- und Oberschicht längst zu übermässigen Essgelagen verkommen und die Leute legen im Ramadan deutlich an Gewicht zu. Das Ganze erinnert mich schwer an die Vorweihnachtszeit in Deutschland. Mit den selben Auswüchsen an nicht mehr nachvollziehbaren Konsumorgien.
Wir holten uns also einen Einkaufswagen und stürzten uns ins Getümmel im Carrefour. Wir wissen inzwischen ungefähr, in welcher Ecke was zu finden ist. Es füllte sich also unser Wagen langsam mit Gegenständen um den Haushalt, wie Kleiderbügel, Wischgerät, etc.. Das Navigieren mit dem Einkaufswagen im Carrefour hat in Kairo viel mit dem Verhalten im Straßenverkehr zu tun.
Als wir zwei Minuten unseren Wagen unbeaufsichtigt stehen ließen, um nach Glasdeckeln für unsere Pfannen zu schauen, war der Einkaufswagen weg. Ich konnte es erst nicht glauben und suchte im näheren Areal nach unserem Wagen. Dabei entdeckte ich unseren Einkauf auf einem Stapel Kisten mit Sonderangeboten und mir war klar, dass einer unseren Wagen geklaut hatte.
Petra wollte sofort einen neuen Wagen holen, aber ich hatte für heute die Schnauze voll vom ägyptischen Sozialverhalten. Wir machten uns darauf auf den Heimweg und werden den Hausrat heute Abend in der 9. Straße, unserer Einkaufsmeile im Maadi besorgen. Dort zahlt man etwas mehr, kauft aber in kleinen Geschäften ohne Hektik ein und das Angebot ist nicht schlechter.
Morgen beginnt also der Ramadan. Eine harte Zeit auch für uns Nichtmuslime. Im öffentlichen Leben geht so gut wie nichts. Tagsüber wird der Umgang mit gestressten Ägyptern mit dem fortschreitenden Tag immer schwieriger. Nach dem Iftar, dem Fastenbrechen nach Sonnenuntergang, ist dann bis weit über Mitternacht hinaus die Hölle los auf den Straßen. Ich bin sehr gespannt, wie sich der Ramadan in unserem ruhigen Botschaftsviertel in Maadi auswirkt.