Nun sitze ich am Gate 45 am Münchner Flughafen und warte auf mein Flugzeug nach Kairo. Hinter mir habe ich 15 Tage München und Berlin. Der Grund für meinen Aufenthalt in Deutschland war das Packen von 20 Kartons Luftfracht, eine Schulung auf TYPO3 und das Bauen von einigen Unimurr- Produkten.
Der Flug von Kairo nach München verlief ereignislos und langweilig. Der Service bei Egyptair war sehr gut. Das Beste war die süddeutsche Zeitung, die kostenlos verteilt wurde. München empfing mich mit schönstem Wetter und milden 16°C. Das war kein nennenswerter Unterschied zu Kairo. Ich vermisste also keine warme Jacke, die ich natürlich nicht dabei hatte. Wie jedesmal, wenn ich S-Bahn fahren muss, scheiterte ich am Zonensystem. Ich habe bis heute nicht kapiert, wie viele Streifen der Streifenkarte ich zum Flughafen abstempeln muss.
So stand ich bald vor meiner Werkstatt in Trudering, die zur Zeit hauptsächlich als Möbel- und Hausratlager dient. Der erste Versuch, unseren dort untergestellten Berlingo zu starten, scheiterte an einer tiefentladenen Batterie. Der Berli durfte nicht mit nach Kairo. Er muss in der Werkstatt ausharren und nun wartet immer darauf, dass die Murr?s nach Deutschland kommen und beweglich sind. Nach einer Stunde am Ladegerät tat es die Batterie wieder und der Berli war startklar.
Ich begann mich in dem geringen, verbliebenen Raum in der Werkstatt häuslich einzurichten. Den kleinen Küchentisch baute ich als Arbeitstisch zusammen und eine der Kinderbettmatratzen war meine Schlafstätte. Ein Einkauf beim Tengelmann um die Ecke mit Kaffee, Milch, Zucker und noch ein paar Kleinigkeiten erhöhten den Komfort der Pension Unimurr beträchtlich. Ich wollte in kein Hotel gehen. Ich verabscheue Hotelzimmer und zu teuer ist es in München ebenfalls. Einer der Mankos der Pension Unimurr war die fehlende Dusche. Die Hygiene musste also, wie in alten Zeiten, mit Waschen aus der Schüssel erledigt werden. Zuerst war es richtig warm in München, dass ich auf das Heizen verzichten konnte. Das änderte sich leider zwei Tage später mit einem Kälteeinbruch.
Zuerst begann für mich der unerfreuliche Job des erneuten Kistenpackens. Eigentlich waren alle Kisten für Kairo schon beim Auszug aus unserm Haus gepackt. Der ägyptische Zoll verlangt aber eine detaillierte Liste des Kisteninhaltes. Jedes Paar Socken oder jede Unterhose muss gelistet sein. Ich bin sehr gespannt, ob in einer Woche der Zoll das auch kontrolliert, wenn ich die Kisten am Kairoer Flughafen abhole. So baute ich also der Laptop mit dem Laserdrucker auf und begann, alle Kisten wieder auszuräumen, den Inhalt zu erfassen und alles wieder zu verpacken. Natürlich blieb Vieles zu hause, was in Kairo problemlos zu kaufen ist. Mit unserer nun dreimonatigen Ägyptenerfahrung konnte ich sehr gezielt einpacken, so dass letztendlich nur zwanzig Kisten mit 250kg heraus kamen. Ganze fünf Tage nahm dieses Erfassen unseres Umzugsgutes in Anspruch. Inzwischen war es bitter kalt geworden in München, dass ich bei geschlossenen Werkstatttüren und Kunstlicht arbeiten musste. Mit meinen diversen Gasheizern schaffte ich so zwischen 12 -15°C Raumtemperatur in der Werkstatt, so dass der Aufenthalt erträglich war. Richtig frisch wurde es über Nacht. Da fiel die Temperatur auf unter 10°C in der Werkstatt ab. Glücklicherweise konnte ich auf die gesammelte Auswahl Murrscher Schlafsäcke zurück greifen. So waren meine Nächte trotzdem angenehm und vor Allem ruhig, im Gegensatz zu Kairo. Der wirkliche lästige Umstand an der Pension Unimurr war der fehlende Internet- Zugang. Ein freundlicher WLAN- Nutzer hat in der näheren Umgebung meiner Werkstatt sein WLAN nicht geschützt, so dass ich schon seit drei Jahren vor der Werkstatt Zugang zum Internet habe. Ärgerlicherweise geht das aber nur auf der Wiese vor der Werkstatt. In der Werkstatt hinter dem Tor ist es vorbei mit WLAN- connect.
Also besorgte ich mir ein externes USB- WLAN- Stick mit fünf Meter USB- Verlängerung, um das WLAN vor der Tür, den Notebook aber in der warmen Werkstatt zu haben. Ich weiß noch nicht warum, aber ich habe das nicht zum Laufen bekommen. Alle gesicherten Netze der Umgebung konnte ich empfangen, aber nicht den entscheidenden, ungesicherten WLAN- Router. Nach einem halben Tag Herumgefummel mit dem externen WLAN gab ich auf und bin dann also ein paar Mal am Tag mit dem Notebook vor die Werkstatttür, um Mails abzurufen und zu versenden. Richtig ungemütlich wurde es, wenn ich abends mit Petra über Skype telefonierte. Ich setzte mich dazu meistens in den Berlingo, um wenigstens etwas Windschutz zu haben. Aber wer seine Frau richtig liebt, wie ich, nimmt schon Einiges auf sich, um ihre Stimme zu hören. Die abendlichen Telefonate machten das triste, einsame Packen etwas erträglicher. Als ausgeprägter Familienmensch waren diese einsamen zwei Wochen nicht gut für die arme Unimurr- Seele.
Am Sonntag Mittag machte ich mich dann auf den Weg nach Berlin. Mit dem Packen war ich bis auf eine Klamottenkiste und die Computerkiste fertig. Durch zwei Mitfahrer über die Mitfahrzentrale hatte ich die fünf Stunden Fahrzeit einen interessanten Gesprächspartner aus Simbabwe. Der Zweite kam aus Mauretanien und war eher wortkarg. Wir diskutierten alle Probleme Afrikas und hätten sie wohl noch gelöst, wenn wir nicht zwischenzeitlich in Berlin angekommen wären. Den Stadtteil Spandau fand ich relativ leicht und auch meine vorbestellte Pension.
Die Pension war ein nettes Zweifamilienhaus. Die Pensionsbesitzer bewohnten in der Mansardenwohnung im ersten Stock, in Parterre und dem Souterrain waren die diversen Zimmer der Pension untergebracht. Ich war in der ersten Nacht der einzige Gast. Der Pensionsbesitzer erklärte sich bereit, mir sein WLAN einzurichten, das schon länger in der Ecke stand. Am zweiten Tag hatte ich also WLAN und Internet vom Feinsten. Vor Allem das Frühstück muss erwähnt werden. Diverse Schinken, schmackhafter Käse und ungarische Salami waren für mich Ägypter ein seltener Gaumenschmaus.
Tags drauf begann mein Kurs Über das Contens- Management- System TYPO3. Die vier Tage Kurs lassen sich so zusammen fassen, dass ich den vollen Umfang dessen, was ich nicht weiß und noch lernen muss, vermittelt bekam. Die Zeit wird zeigen, was in meinem altem Hirn wirklich hängen blieb. Das Tempo war beträchtlich und war schon an der Grenze meine Aufnahmefähigkeit. Das Lernen beginnt erst richtig, wenn ich wieder in Kairo bin.
Entschädigt hat mich jeden Abend der Italiener in der Nähe der Pension, wo ich in ruhiger, gemütlicher Atmosphäre exzellent speiste zu deutlich moderateren Preisen, als in München. Es fehlte mir nur meine Familie.
Den freien Dienstag nutzte ich für einige Internetbestellungen und diverse Einkäufe für Kairo. Es war in Berlin inzwischen lausig kalt mit einem ekelhaft kalten Wind. So war ich nicht böse, mit dem Auto meine Besorgungen machen zu können.
Am Freitag sah ich mit Sorge dem Ende des TYPO3- Kurses entgegen, da der Wetterbericht ein Schnee- Chaos für den Nachmittag voraus sagte. Mein Berlingo hatte keine Winterreifen und ich hatte wenig Lust, in einem Mittelgebirge im Schneetreiben stecken zu bleiben. Ich fuhr also los, diesmal ohne bezahlende Fahrgäste, und kam prompt, kurz nach Berlin, in das befürchtete Schneetreiben. Nach eine Viertelstunde hatte ich die Wetterfront überholt und fuhr nun auf trockenere Straße, immer den Wintereinbruch im Nacken, nach München. Ich war noch keine Halbe Stunde in der Werkstatt angekommen, da brach der Winter mit Eis und Schnee und Minusgraden über München herein.
Nach dem ich Samstags erst mal ordentlich eingeheizt hatte und mit Croissants gefrühstückt hatte, packte ich noch den Rest und die neu erworbenen Sachen ein. Ab Sonntag Morgen baute ich dann mit Tempo an den Unimurr- Aufträgen. Alle bestellten Teile waren inzwischen angekommen und so ging die Produktion von fünf Satz Vorgelegeentlüftung gut von der Hand. Es machte richtig Spaß, mal wieder mit den Händen zu arbeiten. Der Körper quittierte die drei Tage mit dem Gasbrenner, dem Einhandwinkelschleifer und mit dem Schweißgerät mit einem ordentlichen Muskelkater in Arm und Schultern.
Zwischendrin musste ich noch so ärgerliche Dinge erledigen, wie zum Hauptzollamt gehen, weil eine Ebay- Bestellung aus China dort landete. Außerdem fehlte ständig eine Kleinigkeit, die zeitaufwändig besorgt werden musste.
Einen Tag vor Abflug war ich fertig und die Bausätze verschickt. Ich nützte diesen freien Tag für die letzten Einkäufe und das Aufräumen in der Werkstatt. Da wurde ein Ganzer Laib Brot aus der Ökobäckerei, vier Salamis und drei rohe Schinken angeschafft. Große Sorgen machte mir darauf hin das Gewicht meines Fluggepäcks. Die große Reisetasche brachte es auf unserer alten Personenwaage schon auf 23kg, erlaubt sind 20kg. Mein Handgepäck, ein neu erstandener Rucksack für 17? Notebooks brachte 13kg mit drei Notebooks auf die Waage. Hier sind nur 8kg erlaubt. Als unerfahrener Gelegenheitsflieger konnte ich die Schwere dieses Problems nicht abschätzen.
Es war dann alles kein wirkliches Problem. Bei der Egyptair dürfen 25kg Fluggepäck mitgenommen werden und das Handgepäck wird nicht gewogen. Nur bei dem Sicherheits- Check schauten die Beamten etwas überrascht, als ich drei Notebooks aus dem Rucksack räumte.
Während des Rückflugs habe ich hauptsächlich auf Petras neuem 12,1- Zöller diesen Bericht geschrieben. Etwas beengt, aber machbar. Aufruhr gab es in Kairo an der Gepäckausgabe, als die Logistiger das Gepäckband verwechselten und das Gepäck aus München auf der Bandstraße von Wien rotierte. Nach tumultartigen Szenen kam dann doch jeder zu seinen Koffern und Taschen. Der Zoll ignorierte das Fluggepäck zu meiner Freude vollständig und so war ich schnell aus dem Flughafengebäude und auf dem Vorplatz, wo ich auf meine Familie wartete. Bei 21°C ließ sich das gut aushalten. Petra und die Kinder wollten mich abholen, verspäteten sich aber durch den unvermeidlichen, globalen Donnerstagnachmittagsstau in Kairo. Nach einer halben Stunde Wartezeit kam die Familie endlich mit ihren gelben Taxi und die Murr?s waren wieder komplett. Hamdulillah
Meine Eindrücke und Wahrnehmungen in Deutschland trafen mich überraschend. Zuerst musste ich mein Fahrstil wieder etwas zivilisieren. Das hieß blinken beim Richtungswechsel, in der Spur fahren, Geschwindigkeitsbeschränkungen beachten, auf den rückwärtigen Verkehr achten und die Finger vom Hupenknopf. Das gelang mir zügig. Genervt hat mich dann zwei Wochen lang die Unflexibilität des deutschen Verkehrs und die Oberlehrermentalität vieler Autofahrer.
Egal, mit wem ich sprach, es war überall eine leicht depressive Stimmung bei den Leuten zu spüren und jeder sprach von seinen Befürchtungen auf die Zukunft. Zusammen mit dem grauen Wintereinbruch war es für mich eher bedrückend im Vaterland.
Es kam natürlich erschwerend hinzu, dass ich als Heimatloser ohne festen Wohnsitz in München unterwegs war. Die Trennung von meiner Familie tat mir ebenfalls nicht gut.
Kairo ist ein Moloch, dreckig, laut und anstrengend. Die Menschen sind sehr emotional, im Positiven wie im Negativen. Zu meinem Erstaunen komme ich mental damit nach drei Monaten besser klar, als mit dem deutschen Wehklagen und der Unbeweglichkeit des Denkens.
Kurzum, ich war froh, als ich am Donnerstag abflog und ich hatte richtig ein wenig Heimatgefühl, als ich den Lichterteppich des beleuchteten Kairo?s beim Landeanflug vor mir ausgebreitet sah. Das Wiedersehen mit meiner Familie verstärkte das Heimatgefühl sicher. Unser Wächter strahlte richtig, als ich aus dem Taxi stieg und er freute sich sichtlich, mich zu sehen. Das hat mir gut getan.
Heimat ist dort, wo einem die Menschen aufnehmen und verstehen.
Die zwei Wochen Deutschland haben mich mit Kairo an vielen Stellen versöhnt und ich sehe mit Sorge dem Umstand entgegen, dass wir irgend wann wieder nach Deutschland zurück müssen.
So ändern sich die Zeiten und die Wahrnehmungen. Inshallah und die Wege Allahs sind unergründlich.