Nun bin ich fast eine Woche wieder in Kairo. Meine erste Heimat- Euphorie beim Landeanflug zum Kairo- Airport ist der Einsicht gewichen, in einem arabischen Land gewisse Dinge einfach demütig hin zu nehmen, wenn man die geistige Integrität schützen und das Herz gesund erhalten will. Einer dieser Dinge sind die Zoll- Behörden in Kairo.
Der Anlass dieser tiefen Einsicht war mein Ansinnen, unsere in Deutschland aufgegebene Luftfracht am Zoll des Flughafens abzuholen. Vorne weg bemerkt, sind wir Angestellten der DEO (Deutsche evangelische Oberschule Kairo) durch unseren Herrn M, der sich um alle Belange mit Kairoer Behörden kümmert, schon auf der Sonnenseite des Lebens in Ägypten. Trotzdem war das Erlangen unseres Hausrats ein bemerkenswertes Abenteuer.
Zu meiner Verärgerung hat uns die Austrian-Airlines nicht, wie vereinbart, angerufen, als unsere Luftfracht in Kairo ankam. Geordert haben wir den Transport unserer zwanzig Umzugskisten mit Hausrat und Kleidung über die Spedition Quirx. Die Betreuung für mich unerfahrenen Versender von Luftfracht war in Deutschland beim Packen der Kisten auch vorbildlich. Eigentlich waren die Umzugskisten für Kairo schon gepackt. Der ägyptische Zoll verlangt aber eine detaillierte Packliste über den Inhalt der Kisten, weshalb ich alles noch mal auspacken musste, um eine detaillierte Liste zu erstellen. Das kostete mich in München ganze fünf Tage.
Laut den Frachtpapieren war als Ankunftszeitpunkt der 28.11.08 avisiert. Als am 30.11.08 immer noch kein Anruf der Fluggesellschaft gekommen war, versuchten wir, dort anzurufen und den Status der Sendung zu erfragen. Alle von der Spedition genanten Nummern erwiesen sich als falsch. Nach unzähligen Telefonaten hatten wir dann glücklich einen Repräsentanten der Austrian-Airlines an der Strippe, der uns bestätigen konnte, dass die Sendung seit dem 28.11.08 im Zoll liegt. Tags drauf fuhr ich mit Herrn M zum Flughafen. Der liegt ein Stück ausserhalb von Kairo und es dauert beim täglichen Stau auf Kairos Strassen etwa 1,5 Stunden einfach. Dort angekommen, besuchte Herr M zahlreiche Büros, deren Funktion mir meistens verborgen blieb. Ich trabte brav hinter Herrn M her, seine Tasche tragend und mich in arabischem Gleichmut übend. Letztendlich landeten wir in einer grossen Halle. Um da hinein zu kommen, brauchten wir einen Besucheranstecker mit den persönlichen Daten. Dann mussten wir durch eine Schleuse, wir am Flughafen bei der Personenkontrolle. Natürlich piepste das Ding bei jeder Person, was die Polizeibeamten aber nicht zu Kenntnis nahmen. Nach dieser Hürde wählte Herr M einen Zoll- Beamten, der sich mit gottgleichem Habitus in der Halle bewegte und gelegentlich einem armen Sünder, der nur seine Ware wollte, einen geringen Teil seiner Aufmerksamkeit schenkte. Das Schauspiel war wirklich bemerkenswert. Nach mehrmaliger ergebener Fürbitte durch Herrn M schenkte er auch unseren Frachtpapieren einen Blick, schrieb einige Kommentare mit rotem Kugelschreiber, wie die Kaiser im Mittelalter auf die diversen Blätter der Frachtpapiere und schon waren wir wieder unterwegs zu weiteren, zahlreichen Büros und Herrn, die offensichtlich sehr wichtig waren und jeder sich mit ein paar Zeilen in arabischer Schrift auf den Zollpapieren verewigten. Nach zwei Stunden holten dann endlich zwei Araber, die für die harte Arbeit des Kistenschleppens zuständig waren, unsere Kisten.
Nun begann die suche nach dem zuständigen Zollbeamten, der die Kisten in Augenschein nehmen sollte. Der war nach einiger Zeit auch gefunden. Beim Teetrinken.
Nun wurde jede Kiste geöffnet, vollständig entleert, der Inhalt begutachtet und wieder ohne Sorgfalt in die Kisten geworfen. Dabei wurde meine mühselig erstellte Inhaltsliste völlig ignoriert.
Bewegung kam in das Prozedere, als der Zöllner merkte, dass ich einen Flachbett- Scanner und einen Multifunktions- Laserdrucker ( Das ist ein Ding, das faxen, scannen und drucken kann) dabei hatte. Nach längerer Rückfrage bei Herrn M erfuhr ich den Grund der Aufregung: Scanner aller Art und Farbdrucker können zum Geldscheindrucken verwendet werden und sind deshalb registrierungspflichtig. Das ist höchst problematisch, erfuhr ich auf der Fahrt zum Zoll, aber es ist nun nicht mehr zu ändern. Kurzum, alles zureden und diskutieren half nichts, die Geräte müssen von diversen Polizeiämtern genehmigt werden. Also verschwanden meine Kisten wieder in den unergründlichen Tiefen der Zollhalle und wir zogen unverrichteter Dinge ohne Kisten wieder ab.
Die Rückfahrt dauerte noch etwas länger, da am frühen Nachmittag der verkehr deutlich dichter in Kairo ist. Herr M machte sich noch am selben Nachmittag auf den Weg und konnte zwei der nötigen drei Genehmigungen noch am selben Tag erhalten.
Heute morgen machten wir uns zum zweiten Mal auf den Weg zum Frachtflughafen. Der Verkehr war heute etwas geringer und so dauerte die Fahrt nur eine Stunde.
Zuerst kümmerte sich her M um die dritte Genehmigung. Ich trabe wieder, seine Tasche tragend, hinterher, ohne das Prozedere auch nur im Ansatz zu durchschauen. Nach einer weiteren stunde hatten wir auch dieses Papier in der Tasche. Zurück in der Zollhalle, nach der Sicherheitskontrolle mit der piepsenden Personenschleuse, um die sich keiner kümmert, standen wir ein weiteres Mal beim gottgleichen Zöllner um die Gunst seiner Aufmerksamkeit an. Diese gewährte er uns nach einer Viertelstunde, vermerkte mit rotem Kugelschreiber weitere Kommentare auf den Zollpapieren und diese Hürde war geschafft. Das Bezahlen des Zolls und der Bearbeitungsgebühren war eine neue Odyssee durch 8 Büros und Schalter. Ich habe mitgezählt. Dann endlich, hamdulilla, wurden uns die zwanzig Kisten ausgehändigt.
Das Einladen der Kisten in unseren Unimog verlief typisch hektisch, wie in Arabien üblich. Ich konnte nicht mehr mitzählen, ob wirklich zwanzig Kisten eingeladen wurden. Ich beschloss, dem Zoll zu vertrauen und wir machten uns auf den Heimweg. Der dauerte bemerkenswerter weise nur eine Stunde. Das ist rekordverdächtig in Kairo. Zuhause war grosses Hallo, als ich mit den Kisten an kam. So ähnlich wie Ostern und Weihnachten zusammen. Die Wohnung verwandelte sich in kurzer Zeit in ein Schlachtfeld von geöffneten und ausgeräumten Kisten. Es dauerte drei Tage, bis eine gewisse Grundordnung im Haus wieder hergestellt war.
Von ein paar persönlichen Dingen abgesehen, hat sich diese Aktion nicht gelohnt. 90% hätten wir in Kairo für weniger Geld kaufen können, als diese Luftfracht- Aktion gekostet hat. Die 10% Persönliches hätten in das normale Fluggepäck gepasst. So lernt man täglich dazu. Die Erfahrung auch dieses Wahnsinns ist natürlich nicht mit Gold aufzuwiegen.
Meine Reise nach Deutschland hat in jedem Fall meine Sicht auf Kairo verändert. Teils wegen des Kontrastes beider Kulturen, teils wegen der Einsicht, dass wir ein paar Jahre Kairo aushalten müssen, ob wir wollen, oder nicht. Vielen Umständen muss man sich hier einfach beugen und mit Gelassenheit sich die Dinge entwickeln lassen. Diese Haltung ist schon in Deutschland hilfreich, in Kairo ist sie überlebensnotwendig.
Die wirtschaftliche Wertschöpfung an Lebensqualität ist in Deutschland bei zwei verdienenden Eltern in jedem Fall grösser, als in Kairo. Nur gibt es hier Arbeit, im Gegensatz zu Deutschland.
Die emotionale Wertschöpfung ist ganz gewiss in Kairo grösser. Das setzt das Beherrschen der arabischen Sprache voraus und das wird noch eine Weile dauern, fürchte ich.
Kairo ist ein Moloch, dreckig, laut und anstrengend. Die Menschen sind sehr emotional, im Positiven wie im Negativen. Zu meinem Erstaunen komme ich mental damit nach drei Monaten besser klar, als mit dem deutschen Wehklagen und der Unbeweglichkeit des Denkens. Vielleicht kann ich mich auch irgend wann mental gegen den Lärm und den Stress der Stadt schützen. Bleiben wird die schlechte Luft, der Dreck und das Chaos auf den Strassen.
Die zwei Wochen Deutschland haben mich mit Kairo und den Arabern an vielen Stellen versöhnt und ich sehe mit Sorge dem Umstand entgegen, dass wir irgend wann wieder nach Deutschland zurück gehen werden.
Ein kluger Kopf schrieb einmal, dass Heimat dort ist, wo einem die Menschen aufnehmen und verstehen. Ob das Kairo sein kann, wird die Zeit zeigen.
So ändern sich die Zeiten und die Wahrnehmungen. Inshallah und die Wege Allahs sind unergründlich.

